Las Vegas in Lindenau

Es ist  wieder soweit – seit gut einer Woche bietet sich die Möglichkeit,  einen bunt gemischten Pilgerstrom am Lindenauer Cottaweg zu beobachten. Dreimal im Jahr strömen sie aus allen Stadtteilen zu einem scheinbar neuen Mekka in Leipzig. Hier, so weiß es der Kenner, findet seit Ende der 30er Jahre die Leipziger Kleinmesse statt – und so wandelt sich der meist leere und öde Platz binnen von Tagen in ein Lichtermeer unvorstellbaren Ausmaßes.
Angetrieben von glückseligen Erinnerungen aus Kindheitstagen beschloss ich, diesem Spektakel einen Besuch abzustatten. So ging es an einem lauen Frühlingsabend mit meiner WG vorbei am Lindenauer Mini-Zoo gen Frühjahrskleinmesse. Bereits mehrere Meter vom eigentlichen Schauplatz entfernt, konnten wir uns in den Pilgerstrom einordnen. Vor den Toren der heiligen Spielstätte hielten wir einen Augenblick inne – atemberaubend – Willkommen im Wallfahrtsort der Unterhaltungsindustrie. Hier bleibt kein Wunsch unerfüllt, hier werden wir uns unserer unbewussten Dynamiken gewahr: Willkommen in Las Vegas in Lindenau!


Eine Welle der Begeisterung strömte über uns und berauscht von psychedelischen Farben und absonderlichen musikalischen Kompositionen stürzten wir uns ins Getümmel – vorbei an blauer Zuckerwatte, Kräppelchen, die man unbedingt probiert haben sollte und der legendären Wildwasserbahn, die so manches Kindheitstrauma in Erinnerung rief.
Es brauchte nur einen Schritt  und vergessen war sie, die graue und alltägliche Welt hinter uns. Es schien geradezu als befänden wir uns in  einer anderen bisher unerforschten Dimension, in der bisher Bestehendes aufgelöst wurde und  es neue Strukturen zu entdecken galt. Hier wird jede unbewusste Regung angesprochen, hier kann man sein, wer man ist. Wo wir in der uns vertrauten Welt zu bewusster Triebkontrolle erzogen werden, können wir hier all unsere seelischen Grenzen auflösen. Hier begegnen wir dem Lustprinzip in seiner natürlichsten Form und jedes Bedürfnis kann gestillt werden – sei es die  spannungsreduzierende Geisterfahrt beim Autoscooter  oder  das ausgiebige Ausleben regressiver Tendenzen in der Geisterbahn – nichts muss, alles kann, lautet hier das oberste Prinzip.
Geblendet von irrealer Glückseligkeit bemerkte ich es dennoch – auch im nirvanaähnlichsten Zustand können wir unser wahres Selbst nicht verbergen – und was ich ursprünglich als differenzierten Pilgerstrom betrachtete, wurde – im Angesicht der dutzenden Mariacrons an den gefühlten 30 Schießständen – revidiert.
Das Lindenauer Vegas stellt jedenfalls eine unerschöpfliche Oase des Wohlfühlens dar und hat sich im Laufe der Jahre vortrefflich an seine Besucher angepasst. So kann ich vor allem den Familientag am Mittwoch jedem ans Herz legen. Hier kann man nicht nur die ganze Schar an einem Tag glücklich machen, sondern nebst niedrigeren Preisen sogar noch alles für das leibliche Wohl ergattern. Während ich mich aus fernen Kindheitstagen an  die üblichen überdimensional großen Stofftiere als  Gewinn erinnere, heißt es zum Familientag an einigen Ständen siegessicher: 3 Treffer – 1 Fass Bier. Was bleibt mir da abschließendes zu sagen als: Vegas, du lässt keine Wünsche unerfüllt, bist Magnet für Abenteurer, Mafiosi und Spekulanten.

Der Lindenauer Minizoo


Der Zoo ist eine der Hauptattraktionen Leipzigs. Er hat eine eigene Doku-Soap, ein lustig beklebtes Parkhaus und eine Lippenbärenschlucht, die es bestimmt auch mit dem Höllenschlund bei Ronja Räubertochter aufnehmen könnte.

Jedoch, als Lindenauer ringt mir dies nur ein müdes Lächeln ab. Ich muss nicht erst in die Innenstadt fahren, mich hinter einer Horde zuckerüberdosierter Kinder einreihen, um mich an der Fauna zu erfreuen. Es geht einfacher und sogar ohne ein gewisses Zoo-Feeling entbehren zu müssen. Direkt an der Angerbrücke haben umsichtige Lindenauer, die ihren Kindern vermutlich mehr bieten wollten, als den gemeinen Schoßhund von nebenan, es geschafft ein kleines Nagerparadies zu erschaffen. Dort, an der Böschung, kurz bevor sich das dichte Geäst derart verzweigt, dass ein ungehinderter Blick unmöglich wird, türmen sich tagtäglich Berge mit Gemüseabfällen und Brötchenhaufen, die jedem Spatz in mehreren Kilometern Entfernung die Luft zum piepsen rauben. Ganze Äpfel, selbst Apfelsinenspalten konnten in diesem bunten Haufen ausgemacht werden. Mümmelnd, nagend und schmatzend davor: Generationen von Nutrias (nicht Bisamratten, wie zumeist von wissend blickenden Laien, sobald diese sich, lässig auf das Brückengeländer stützend, niedergelassen haben, kund getan wird; treffend wäre allenfalls noch die Bezeichnung Biberratte und wer mir nicht glaubt, darf gerne selbst bei Wikipedia nachschlagen). Derart wohl bedacht vom Nagerschicksal und der Lindenauer Bevölkerung, lebt hier eine Population, unbehelligt von den Widrigkeiten, denen Nutrias längst vergangener Zeiten ausgesetzt waren. Schließlich sah es lange schlecht aus für die, glücklicherweise nur durch ihren Schwanz entfernt an Ratten erinnernden, putzigen Mümmelviecher. Die hiesige Damenwelt mochte nämlich ungern auf schön gebürstete Pelzmäntel verzichten und da half es den Nutrias auch nicht, möglichst struppig und borstig daher zu kommen. Längst wusste man über die Qualitäten der Unterwolle Bescheid. Doch vorbei die dunklen Zeiten, in denen Statussymbole wichtiger waren, als der Anblick einträchtig nagender Nutriafamilien. Heute versammelt sich halb Lindenau gerne und ohne Argwohn um die pelzigen Mitbewohner. Gewissenhaft wird der Müll nur noch auf der anderen, nicht vorrangig von Nutrias bewohnten, Seite des Bächleins deponiert. Wer weiß, womöglich entdeckt das Fernsehen bald unsere Lindenauer Maskottchen. Dann können wir nur hoffen, dass sie sich stets daran erinnern, wer sich einst so aufopfernd um ihr Wohl gekümmert hat.

„Mach Schnaps druff!“

Das ist ein Zitat meines Opas. Ich glaube, er hat es immer dann gesagt, wenn Verletzungen oder Krankheiten entzündlicher oder akuter Art vorlagen. Fahrradunfall: Mach Schnapps druff. Mandelentzündung: Mach Schnaps druff. Zahnprobleme: Mach Schnaps druff. Sich in den Finger geschnitten: Mach Schnaps druff. Und so weiter. Ich folgerte daraus immer, daß Opa eben noch in anderen Zeiten groß geworden ist und daß die „Mach Schnaps druff“-Mentalität irgendwann aussterben würde, da Desinfektions- und Wundheilungspräperate mittlerweile für billig Geld in jedem Gemischtwarenladen zu erwerben sind. Geht man in Lindenau im Netto zur Kasse, fällt einem zu seiner Rechten das monströs erscheinende Regal sich eng an eng drängender Spirituosen ins Auge, das mit den Klassikern Mariacron, Doppelkorn, den billigen Berenzen-, Martini-, Bacardi-, und Baileys- Imitaten auf der Zielgeraden im Lindenau-Ghetto-Netto kräftig aufzutrumpfen weiß. Das Interessante an diesem Regal ist allerdings das Schild, das darüber hängt. In Discountern dieser Art ist es bekannterweise üblich, die Waren in unterschiedlichen Sektoren inhaltlich zu sortieren und orientierungsfreundliche Kategorisierungschilder wie „Konserven“, „Tiefkühlkost“ etc. über eben solche zu hängen. Das Schild über unserem Freund dem Schnapsregal verweist auf „Hausapotheke“. Opas medizinische Interventionsmethode scheint also wieder voll im Trend zu liegen. Ich verspreche, bei nächster Gelegenheit ein Photo dieses aussagekräftigen Lindenauer Orientierungsschildes hier mit hochzuladen. Wenn ich bei der Aufnahme mit meiner Digitalkamera im Supermarkt in der Schlange vor der Kasse von einem Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin dumm angemacht werden sollte, werde ich einfach sagen: „Mein Name ist Maria Cron, in bin von Stiftung Warentest.“ Das Argument dürfte ja wohl ausreichen, um mal ein Photo im Netto zu machen, denke ich.

Damit soll es aber noch nicht genug sein zum Thema „Ghetto-Netto“ (ein Wortspiel, das, wie ich finde, die Bildzeitung nicht eloquenter hätte gestalten können). Ich gehe davon aus, daß meine werten Leser an dieser Stelle wissen, was ich mit den Warenregalen meine, die es kurz vor knapp noch an der Kasse eines Supermarkts zu erkunden gibt. Feuerzeuge, Labellos, Kaugummis, die berühmten Produkte, die die demokratische Erziehung kleiner Kinder mächtig auf die Probe stellen und eben für die von uns, die es wirklich nötig haben, die guten Jungs aus der Netto-Hausapotheke nochmal in klein. Praktisch so für zwischendurch, bei der Arbeit, nach dem Sport, an der Haltestelle, vor dem Elternabend, nach dem Arbeitsamttermin oder eben auch mal für nach dem Einkauf im Netto. Eigentlich ist es immer das gleiche Klientel, was sich an dieser Auslage bedient: gefühlte 90% Kunden, die auf dem Band auch nix anderes liegen haben als 3 Sterni, Rollis (für die nicht-Kenner der Szene: das sind die billigen Zigarillos…), ner Flasche Doppelkorn und vielleicht noch die abgepackte Jagdwurst von „Gut und günstig“ oder ne Packung Toast und der Schmelzkäse aus der Plastikpackung, der nicht mal gekühlt werden muß (weder vor noch nach dem Öffnen) und trotz 3 monatigem Verweilen in offenem Zustand im Kühlschrank noch keinen Schimmel ansetzt. Eben ein solcher Zeitgenosse stand mit Produkten dieser Kategorie vor mir am Band. Seine Aufmerksamkeit zog er allerdings erst auf sich, nachdem er ca. 3 Minuten lang sämtliche Underberg-Flachmänner mindestens einmal angefaßt hatte. Das lief immer nach dem gleichen Schema ab: Flasche raus aus dem Karton, kurz gegen’s Licht gehalten, zurück in den Karton und die nächste Flasche. Gleiches Spiel. Während ich mich noch fragte, was für eine skurile Nummer das denn schon wieder sein soll, erfaßte ich den Sinn seines konzentrierten Treibens, als er seine Begutachtungsmethode modifizierte: Er hielt nun immer zwei Flaschen nebeneinander ans Licht. An dieser Stelle laße ich nun ein wildes Spekulieren zu. Einfälle werden gerne entgegengenommen. Meine Hypothese an diesem heutigen Abend: Er hat geguckt, ob in einer Flasche ’n Ticken mehr drin ist.

Wirft Fragen auf, sage ich Euch. Vielleicht sollte ich einmal von meinem naiv-gutgläubigen Einkaufs-Roß absteigen und hinterfragen, ob die 0,75 Liter auch immer das sind, was wir glauben, was sie sind. Lindenau ruft auf zur Waren-Selbst-Kontrolle: Lieber ma gucken, ob der Kartoffelsaft auch echt bis zum Strich voll ist. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Sa sdrowje. Auf die Gesundheit. Auch wenn der Russe jetzt lacht und sagt, er trinke nicht auf die Gesundheit (zit. nach Moskauer Deutsche Zeitung, 2007) – in Lindenau steht Alkoholkonsum im Netto genau unter diesem Zeichen. Na dann: „Mach Schnaps druff!“


Korsakow-Sprachstudien nach 22 Uhr

Nun stehe ich am Anfang dieses Artikels und überlege, ob allgemein das Wissen um das Korsakow-Syndrom vorauszusetzen ist. Um ganz sicher zu gehen – hier der kurze psychoedukative Teil: Beim Korsakow-Syndrom handelt es sich um eine Störung des Gedächtnisses, d.h. Vergessen alter Gedächtnisinhalte oder auch die Unfähigkeit, neu Erlebtes zu speichern. Das Korsakow-Syndrom steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Alkoholismus. Es können ebenso starke Gemütsschwankungen, erhöhte Müdigkeit und auch Faseln auftreten. Um dieses „Faseln“, was durch verwaschene Sprachfetzen mit diffusen Inhalten charakterisiert ist, soll es hier im Folgenden gehen.

Eigentlich kann man dieses Phänomen nicht nur nach 22 Uhr beobachten – eine Fahrt mit der Bahn durch das Szene-Viertel zwischen Georg-Schwarz-Straße und Angerbrücke reicht meist aus, um ein typisches Exemplar seiner Art zu finden. Ebenso ein Nachmittag bei Temperaturen über 15 °C auf dem Lindenauer Markt, oder auch ein Besuch in der Elsterpassage eignen sich gut, um Personen für die Stichprobe beobachten zu können. Am Abend jedoch, besonders, wenn das Fenster angekippt ist, treten die in Lindenau altbekannten Laute meist zusätzlich in der nachfolgenden Kombination von Polizeisirenen auf. Ob hier eine Kausalkette anzunehmen ist, lasse ich an dieser Stelle offen.

Was ich allerdings dringend als Tip vom Fachmann für Kenner anführen möchte: Tritt folgendes Ereignis mitten in der Nacht unter Deinem Fenster, in Deiner Straße, Dir zu Ohren: „Haaaadaaaaaawaaaaawööööwöööö-Bööööwuuuuuluuuuwaaaabaaaa-Määpoooodääääämööööööööö“ [Lautabweichungen können in Einzelfällen durchaus variieren], verhalte Dich in Deinem Bett einfach ruhig und denke daran, daß das Geräusch verstummen wird, sobald unser Freund Korsakow seinen schlangenlinienartigen Weg ungestört in Richtung irgendwo im Nirgendwo fortsetzen wird. Das Wort, das hier sogleich heraussticht, lautet „ungestört“. Eben dieses Gebot befolgte in einer lauen Frühlingsnacht ein Nachbar aus dem Haus gegenüber nicht. Es war mal wieder soweit: Klassisch für Lindenau – halb vier nachts und draußen hat jemand, der definitiv zu viel getankt hat, und das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, eindeutiges Mitteilungsbedürfnis. Eben benannte Laute sind im 2. Stock Silbengetreu zu erkennen. Ich stand auf, um die die Heizung abzustellen, weil mir zu warm ist,  und wagte den Blick nach unten auf die Straße. Ebenfalls klassisch wie aus dem Lehrbuch stand der Protagonist dieser Geschichte auf dem Bürgersteig, einen verdächtig dunklen Fleck auf der Hose im Bereich zwischen Schritt und linkem Knie, in einer Hand eine Bierflasche, die andere nach oben gereckt. Taumelnd, singend, korsakowend – kein ungewöhmliches Bild. „Er wird schon weiterziehen“, dachte ich mir, ein kognitives „Boah, ich will pennen“ war natürlich auch dabei. Als 3 Minuen später immer noch keine Ruhe eingekehrt war, verlor offenbar jemand im Haus gegenüber die Contenance. „Halt endlich Deine Fresse, ey!!!“ Ab diesem Zeitpunkt wußte ich, daß dieser, obglich nicht ungerechtfertigte Einwurf, nur eine Verlängerung der Spielzeit zu bedeuten haben konnte. Ziemlich überrascht war ich allerdings von der plötzlich fast klaren Aussprache unseres Freunds vom Bürgersteig, der rhetorischt geschickt mit „Ey, halt DU doch die Fresse, ey!!!“ konterte. Liebeleien dieser Art wurden dann die nächsten 5 Minuten ausgetaucht, bis Herr Korsakow wieder in seinen anfänglichen Singsang verfiel und ich durch die Entfernung seiner Stimme annehmen durfte, daß er sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.

Und die Moral von der Geschicht‘: Pöbel‘ ihn an und der singende Korsakow verpisst sich nicht.

Oder eben doch.

Je nach dem…

Bässe zählen

Ein halbes Jahr ist es nun her, dass ich mein Domizil von der Südvorstadt ins neue Connewitz, nach Lindenau, verlegt habe. Inzwischen habe ich die ersten kulturellen Besonderheiten und ethnischen Absonderlichkeiten meines Heimatviertels kennen gelernt und möchte heute einen kleinen Beitrag zur typischen Abendgestaltung in Lindenau leisten. Dem Leipziger Kenner mag noch nicht entgangen sein, dass es durchaus innerstädtische Differenzen in den allabendlichen Aktivitäten der Leipziger gibt. Während man sich in Connewitz am liebsten mit den physikalischen Auswirkungen fliegender Steine auf Glasscheiben beschäftigt, haben die Lindenauer eine ganz eigene Art die Nachtstunden verstreichen zu lassen.
Bässe zählen – lautet das kostengünstige Spiel für alle schlaflosen Lindenauer und auch ich kam gestern wieder einmal unverhofft in den Genuss dieses westlichen Abendrituals. Die Spielregeln sind einfach:  man warte ab bis der Zeiger der Uhr die Abendstunden einleitet und öffne ein Fenster.  Letzteres  ist zuweilen nicht unbedingt zwingend, da es durchaus vorkommt unpersönlich von den nachbarlichen Klängen in das Spiel eingeladen zu werden. Anders als in der Südvorstadt, wo sich derartige alternative Angebote an kalendarischen Normen orientieren, kennt man in Lindenau keine zyklischen Begrenzungen. So kann man dem Bässe zählen nicht nur am Wochenende oder in den Semesterferien frönen, auch an zahlreichen Wochentagen oder zu ungewöhnlichen Uhrzeiten kommt man in diesen klanghaften Genuss. Warten muss man auf die Spielgelegenheit demnach nicht lange, dennoch sollte man reichlich Geduld mitbringen, da es sich nicht um ein kurzweiliges Vergnügen handelt. Ist man nach einigen Stunden bei einer entsprechend hohen Anzahl von Bässen angekommen und hat womöglich sogar schon den bescheiden angestrebten Halbschlaf erreicht, kann man durchaus eine zweite Runde gegen 4 Uhr Morgens angehen. Dem Spielspaß sind somit kaum Grenzen gesetzt.
In meiner bisherigen Zeit in Lindenau habe ich bereits verschiedene Varianten dieses Abendrituals kennen gelernt. Wem also das einfache Zählen ins Unendliche nicht genug kognitive Ressourcen abverlangt, dem kann ich die advanced edition von Bässe zählen nur ans Herz legen. Hier sind besondere Schwierigkeitsstufen eingebaut, hier kann man an seine Grenzen gehen. Poltern, Möbelrücken oder improvisierte Trommelsessions wirken als zusätzliche Distraktoren auf das Zählmanöver und auch für die philosophisch Bewanderten unter uns gibt es Spielalternativen: Ist man dem Bässe zählen überdrüssig, kann man kinderleicht dazu übergehen, tiefere existentielle Botschaften in den Bass übertönenden Mitteilungen Lindenauer Nachbarn zu entschlüsseln. Hier werden wichtige Aspekte des Lebens aufgegriffen wie beispielsweise interindividuelle Vergleiche menschlicher körperlicher Abbauprodukte. So kann man in zahlreichen nächtlichen Diskursen auf wichtige Fragen des Lebens stoßen und erhält zugleich aussagekräftige Resümees à la Rotze klebt oder Kotze ist doof, worüber sich gewiss eine geraume Zeit sinnieren lässt. Wem es hierbei gelingt, die Anzahl der Bässe im Auge zu behalten, der zählt vermutlich zu den Top Level Vertretern von Bässe zählen. Bei den zahlreichen zwangsverordneten Spielgelegenheiten sind Übungseffekte natürlich garantiert. Und so bin ich bei der nächsten Partie sicherlich wieder mit dabei.
Bässe zählen – das anonyme interaktive Gesellschaftsspiel, frei Haus für Jung und Alt in Lindenau.

Im Netto wirds feuscht

Es ist immer ein befremdliche Gefühl, wenn meine Lebensmittel auf dem Kassenband liegen. Vor und hinter meinen Kartoffeln liegt mindestens 15%iges, meistens aber noch härteres Zeug. Beim Einpacken werde ich dann Zeuge eines Gespräches zwischen der Kiosk- und der Bäckerspätschicht:

Bäckersfrau (mind. 58 Jahre): „Die neuen von der Sicherheit sind ja schon schnucklige Typen.“

Kiosktante (ca. 40 Jahre): „Kannste sagen, aber da weste net was die für Typn schickn. Die sin doch alle komisch.“

Bäckersfrau: „Besonders der junge schlanke Kerl. Da denk isch mich ganz feucht…“

Unwillkürlich schießen mir verstörende Bilder in den Kopf  –  ich schalte meinen MP3-Player an und konzentriere mich aufs Einpacken.

Während dem Hinausgehen erlebe ich dann unfreiwillig noch das Ende der lauten Konversation:

Kiosktante:  „Jetzt haste disch ja janz feuscht geredet. Jeh nach Hause und lass es tropfen!“

Beide heben die Hand zum Abschied.

Kiosktante: „Lass es tropfen!“

*wtf*

Oh Lindenau

Lindenau_klein

Im Westen Leipzigs bist du gelegen, bist meine Heimat ganz und gar,
Oh Lindenau, wo bin ich gewesen, mit dir zu leben scheint wunderbar.

Wie viele Jahre sind nur vergangen, trägst deine Fassade – grau in grau –
gleichwohl, dein Anblick scheint vertraut, Oh Lindenau, mein Lindenau.

Nah deines Herzens haus‘ ich nun und lausche deinem Sirenengesang,
Oh Lindenau, lässt mich nicht ruh’n, bist ungestüm, gar nächtelang.

Auf dem Markt herrscht reges Treiben, mehr oder minder bewusstseinsklar,
Spilunken rufen auf zum Verweilen, Oh Lindenau, machst Sünden wahr.

Auf deiner schlichten Handelsmeile, wird Kaufen zum Erlebnistrip,
Oh Lindenau, so ich verweile im Aldi – Einkaufs – Paradies.

Es zieht mich weiter, passioniert, so vieles kann ich hier berichten,
von vertrauten Gemäuern inspiriert, Oh Lindenau, erzählst Geschichten.

Wohin die Wege mich auch führen, mein Kopf gen Boden stets gewandt,
Oh Lindenau – du magst verführen – hast Schattenseiten, stets bekannt.

In deinen Straßen pulsiert das Leben, facettenreich und ungeniert,
dem freien Sein entgegen strebend, Oh Lindenau, du inspirierst.

So kennt man dich, in zahllos‘ Zügen, bist Opponent und Visionär,
Oh Lindenau, es mag mich trügen, was Leipzig ohne dich wohl wär‘.

Integration

Als heute morgen um, kurz vor zehn, mein Blick in die Kaffeedose ins Leere fiel war schnell zu handeln. Folglich habe ich mir nur schnell ne Jacke übergeworfen und bin ansonsten, bekleidet in Jogginghose und Hausschuhen raus ausem Haus. Meine Intention war, grad zum Späti gegenüber, der wird mir schon ein Pfund Kaffee verkaufen. Aber, wieso heißt der Späti Späti? Weil es ein Spätverkauf und kein Frühverkauf ist. Laden verschlossen. So ein Scheiß, als runter zum Lindenauer Markt. Als ich so bekleidet mit einer Winterjacke, ner ausgelatschten Jogginghose und meinen Hausschlappen den Lindenauer Markt überquerte spürte ich es sofort, auch meine verquollenen Augen und Gedanken konnte das Gefühl nicht trüben. Zum ersten mal begutachteten mich keine geschätzten 10 gefühlten 100 Augenpaare als ich mir den Weg in Richtung DM suche. Ein Hoch auf die Jogginghose-Yes now i am oficially part of it.-Es ist also endlich bewiesen…Kleider machen Leute

Großbrief?-Päckchen! Rotkäppchen?-Sternie! Brötchen?-Mäusespeck!

Eine Woche wohnte ich in Lindenau. Einem sympathischen Wohnviertel, im aufstrebenden Stil. Hier gibts alles was man, pardon Frau braucht. Denke ich, doch es scheint, dass andere Menschen meines sozialen Umfeldes nicht ganz davon überzeugt sind, so erhielt ich zu meinem Geburtstag ein Westpaket. Nun, weswegen der Paketbote Zustellprobleme hatte bleibt mir bis heute ein Rätsel, aber, vielleicht liegt es ja in der Tatsache begründet, welche in der Überschrift bereits durchklingt, nämlich, dass regelmäßig mehr oder weniger viel Hundescheiße vor unserer Tür posiert und dem Paketboten den Zugang zu Klingeln bzw. dem Hauseingang verwehrt. Aber dies ist ein anderes Thema.

So erhielt ich vom örtlichen Postamt eine Nachricht, es liege ein Päckchen für mich zur Abholung bereit. Nun, traumhaft dachte ich mir, wie schön, ein Westpakte. Da man ja heutzutage rational arbeitet, denn Zeit ist bekanntlich Geld, machte ich noch schnell eine, meines Erachtens nach Briefsendung in künstlerischem Format fertig und dann nichts wie los zur Post. Ist ja schon kurz vor fünf und die haben ja nur bis um sechs auf, und wer weiß, was mir auf den 800 Metern Fußweg zum Postamt zustößt, und ich freue mich doch schon so auf das Westpaket.

So runter auf die Straße, rüber und um die Ecke rum, nach ca 15 Minuten langsamen Spaziergang bin ich am Ziel meiner Wahl angekommen. Und ich war begeistert, selten hatte ich ein Postamt mit solchem Charme und Ambiente erlebt. Das Interieur war eine Mischung aus, Schreibtisch mit Postbeamtin, Spätverkauf der quasi mehr aus Leergut als aus anderen Waren besteht und Gemischtwarenladen. Nun gut, da die eine Postbeamtin aufgrund der etwas beengten Raumverhältnisse und der lähmenden Vorfreude auf den Feierabend ein wenig überfordert wirkte musste ich, noch ein wenig auf den Erhalt meines Westpaktetes warten. Dieses sich auftuende Zeitfenster konnte ich, doch nutzen, um mich hier mal genau umzusehen, bzw Scene-Watching zu betreiben. Zunächst wurde meine Aufmerksamkeit auf die neben mir offen zum Verkauf dargebotenen Brötchen gelenkt. Kaum hatten meine Augen sie erspäht kam gleich ein weiterer Interessent, welcher mit bloßen Händen, vor Reinlichkeit nicht strahlend wie die Werbung des weißen Riesen, vier Teile Backwaren seiner Wahl aussuchte, nicht ohne jedoch alle anderen dabei zu berühren.

Gut, nur noch drei Leute vor mir, du wolltest ja in dem Laden nix essen dachte ich, sondern ein Päckchen abholen.

Da ich noch warten muss, schweift mein Blick zu Kasse des eigentlichen Ladens. An der Kasse steht ein (der ersten Erscheinung nach) gut situierter Familienvater, okay ein bisschen weniger Solarium hätte es auch getan, aber jeder nach seinem Wunsch. Er war in Begeleitung seiner schätzungsweise 7-Jährigen Tochter. “Vati” der die Kassiererin scheinbar schon länger zu seinem zumindest erweitereten Bekanntenkreis zählte legte die Waren auf das starre Warenbeförderungsband, nicht ohne jedes zu Kommentieren. Es scheint ein besonderer Tag zu sein, denn heute gab es “nen Rotkäppchen für da Mutti” und “für den Herrn des Hauses ein schönes kühles Bierchen” “achso und noch zwei Päckchen Rollies” (für unwissende das sind irgendwelche extrem billig Kippen). Bestens, der Abend ist gerettet würde ich sagen. Seine Tochter schien sich innerlich über den Hang zur Untertreibung ihres Vater zu freuen, denn der Rotkäppchen für Mutti war ne gestandenen 0,7er Flasche und das Bierchen für ihn maßen 3 satte 0,5er Sternburg Export. Super schien sich das Blonde bisher nicht in Erscheinung getretene Mädchen zu denken, “Vati ich will Mäuse”-rief sie und riss dabei, den am Ende der Kasse stehenden auf Kinderhändenhöhe plazierten Behälter weißer Hariboschaummäuse auf und griff mit beiden Händen geschätzte 10 der leblosen süßen Tierchen. “ne was machst denn du da”schrie Vati, “du darfst doch immer nur 2-leg die anderen zurück”. Enttäuscht der Tatsachen, das die Untertreibung bzw der Hang zu “maßvollem übermäßigem Konsum” offenbar nur für Respektspersonen, in diesem Fall Eltern, galt legte das Mädchen folgsam die verbleibenden geschätzten 8, bereits zerquetschen Mäuse zurück.

Soweit so gut dachte ich mir, scheint hier Gang und Gebe zu sein, dass man Speisen erstmal probehalten oder probebefühlen darf bevor man sich dafür entscheiden muss.

“Der NÄCHSTE BITTEEEE!” rief mich die zaghaft-bestimmte, freundlich-durchbohrende Stimme der Postbeamten zurück in die Realität. “Jaja das Päcken bitte”-wunderbar, nach 2 minuten hatte sie es gefunden, doch der äußere Zustand verhieß nichts Gutes, naja. “Achso ja und das hier muss noch weg bitte, geht doch als Großbrief?”-”Das als Großbrief?” wurde mir erwiedert “Wie haben sie sich das denn vorgestellt”. Na Briefmarke ruf und wech damit dachte ich mir. “Ne das geth nich, das mss als Päckchen” (Ach ja, was muss das denn als Päckchen???). Gut dann eben erstmal nicht, ich verließ letzten Endes um 17:30 den Ort des wundevollen Ambientes, erst als ich draußen war, fiel mir auf, dass der Geruch in dieser Location eher alkohol-lastig war. Nun ja, nix wie das Päckchen aufmachen, cool-Schaumzuckerware aus dem Westen-Deckel auf-die Hälfte war bereits jenseits der vorgesehen Form.

Nur gut, dass die Ware verpackt war, wer weiß, wer sonst schon ales Probegefühlt hätte. Anscheinend habe sich die Leute die mir das Geschickt haben doch was dabei gedacht.

Ab durch die Hecke

Seit nun mehr 4 Wochen habe ich der Südvorstadt den Rücken gekehrt und bin nach einigen Jahren zurück in meinen Heimatstadtteil Lindenau gezogen – ja, nach Lindenau, wo, wie ich neuerdings mitbekommen habe, auch der Friseur ca. 3 Euro günstiger ist. Es lohnt sich also und so wandere ich seit einigen Wochen auf den Spuren der Vergangenheit und obgleich die alten Fassaden einen beruhigenden Charme versprühen geschehen doch auch merkwürdige Dinge hier im Westen Leipzigs – so auch auf dem Karl-Heine Platz 1, unter uns Einheimischen auch als Knochenplatz bekannt. Für diejenigen Leser, die mit diesem bedeutenden Teil Lindenaus nichts anfangen können, möchte ich kurz erwähnen, dass es sich, der Name lässt es erahnen, um einen ehemaligen Friedhof handelt, der schon lange vor meiner Zeit einem Spielplatz für die Lindenauer Generation von Morgen weichen musste. Inzwischen hat dieser Platz nicht nur obsessive Popularität, sondern auch Multifunktionalität erreicht – doch dies ist eine andere Geschichte.
Meine Geschichte beginnt an einem kühlen Herbstmorgen. Es sind noch nicht viele Menschen auf den Beinen als ich unseren schönen Altbau verlasse und als Abkürzung zur Karl-Heine-Straße den altbekannten Weg über den Knochenplatz wähle. Auf dem Spielplatz, an dem sich tagsüber die neue Lindenauer Generation tummelt, sehe ich nur leere Bierflaschen und zertretene Bigpack Zigarettenpackungen im Sand liegen. Mein Blick schweift nach rechts zu diesem merkwürdigen Etablissement, das sich schon seit meiner Kindheit hier befindet und dem ich bisher noch keinerlei eindeutige Definition geben konnte. Ich vermute einen Zusammenhang zu den Müllresten zu meiner Linken und habe eine kurze Version eines 3-jährigen Jungen, der sich ca. 5 Stunden später auf dem Knochenplatz im Sand befinden wird. Ich verwerfe die auftretenden gedanklichen Ausschweifungen über die weitere sozial-eomotionale Entwicklung des Jungen und gehe langsamen Schrittes weiter. Es dauert keine 5 Sekunden da erregt etwas anderes meine Aufmerksamkeit und es war eine dieser Situationen, in dem man einem Ereignis zusieht, eine Ahnung davon entwickelt, was gerade passiert und dennoch erfasst man das Gesehene erst hinterher – oder aber es ergibt sich eine 10 auf der Unglaublich Skala und es landet somit in diesem Blog. Ich lief also weiter über den Karl-Heine-Platz und als ich ungefähr die Hälfte des Weges erreicht hatte, sah ich etwas bei einem großen verdorrten Busch mitten auf dem Platz, dessen ursprüngliche Bedeutung wohl einmal darin bestand, dem Knochenplatz zu mehr Ästhetik und somit Lindenau zu einem  grünen Stadtbild fernab der leer stehenden Tristesse zu verhelfen. Mein Blick blieb ungläubig an diesem Busch  hängen, als plötzlich eine Gestalt unbeholfen hervor trat. Hervortreten ist hierbei vermutlich nicht das richtige Wort. Vielmehr kroch dieser Mann, wie ich später erkannte, offensichtlich verwirrt aus diesem Hauch Natur hervor und da stand er – in seinem beige-grauen Trenchcoat Baujahr 1960 und einer dunklen Baskenmütze. Auf seiner Nase trug er eine kleine runde Brille wie ich sie aus den Zwanzigern kenne und in seiner Hand befand sich ein kleines notizähnliches Büchlein. Ich wusste nicht, was ich denken sollte und während ich so lief, stand diese Gestalt, die sich definitiv nicht bewusst war im Jahr 2009 angekommen zu sein, einfach nur da, das Notizbuch stolz zur Brust haltend, den Blick starr geradeaus gewandt. Ich beobachtete dieses Schauspiel eine Weile, schaute zögerlich über meine Schulter, um mich zu vergewissern, dass keine apokalyptische Stummfilmszene hinter mir ablief – doch es passierte einfach nichts. Ich war allein, allein mit einem verwirrten Zeitreisenden, der den Karl-Heine-Platz 1 auf wichtige Hinweise zur Errettung der Menschheit erforschte. So oder ähnlich vermutete ich es, als ich langsam und scheinbar unbemerkt an ihm vorüber ging. Strange people in Lindenau, dachte ich schmunzelnd als ich nach wenigen Schritten die Grenze nach Plagwitz passierte.