Ab durch die Hecke

6.11.2009 von psychomythologisch

Seit nun mehr 4 Wochen habe ich der Südvorstadt den Rücken gekehrt und bin nach einigen Jahren zurück in meinen Heimatstadtteil Lindenau gezogen – ja, nach Lindenau, wo, wie ich neuerdings mitbekommen habe, auch der Friseur ca. 3 Euro günstiger ist. Es lohnt sich also und so wandere ich seit einigen Wochen auf den Spuren der Vergangenheit und obgleich die alten Fassaden einen beruhigenden Charme versprühen geschehen doch auch merkwürdige Dinge hier im Westen Leipzigs – so auch auf dem Karl-Heine Platz 1, unter uns Einheimischen auch als Knochenplatz bekannt. Für diejenigen Leser, die mit diesem bedeutenden Teil Lindenaus nichts anfangen können, möchte ich kurz erwähnen, dass es sich, der Name lässt es erahnen, um einen ehemaligen Friedhof handelt, der schon lange vor meiner Zeit einem Spielplatz für die Lindenauer Generation von Morgen weichen musste. Inzwischen hat dieser Platz nicht nur obsessive Popularität, sondern auch Multifunktionalität erreicht – doch dies ist eine andere Geschichte.
Meine Geschichte beginnt an einem kühlen Herbstmorgen. Es sind noch nicht viele Menschen auf den Beinen als ich unseren schönen Altbau verlasse und als Abkürzung zur Karl-Heine-Straße den altbekannten Weg über den Knochenplatz wähle. Auf dem Spielplatz, an dem sich tagsüber die neue Lindenauer Generation tummelt, sehe ich nur leere Bierflaschen und zertretene Bigpack Zigarettenpackungen im Sand liegen. Mein Blick schweift nach rechts zu diesem merkwürdigen Etablissement, das sich schon seit meiner Kindheit hier befindet und dem ich bisher noch keinerlei eindeutige Definition geben konnte. Ich vermute einen Zusammenhang zu den Müllresten zu meiner Linken und habe eine kurze Version eines 3-jährigen Jungen, der sich ca. 5 Stunden später auf dem Knochenplatz im Sand befinden wird. Ich verwerfe die auftretenden gedanklichen Ausschweifungen über die weitere sozial-eomotionale Entwicklung des Jungen und gehe langsamen Schrittes weiter. Es dauert keine 5 Sekunden da erregt etwas anderes meine Aufmerksamkeit und es war eine dieser Situationen, in dem man einem Ereignis zusieht, eine Ahnung davon entwickelt, was gerade passiert und dennoch erfasst man das Gesehene erst hinterher – oder aber es ergibt sich eine 10 auf der Unglaublich Skala und es landet somit in diesem Blog. Ich lief also weiter über den Karl-Heine-Platz und als ich ungefähr die Hälfte des Weges erreicht hatte, sah ich etwas bei einem großen verdorrten Busch mitten auf dem Platz, dessen ursprüngliche Bedeutung wohl einmal darin bestand, dem Knochenplatz zu mehr Ästhetik und somit Lindenau zu einem  grünen Stadtbild fernab der leer stehenden Tristesse zu verhelfen. Mein Blick blieb ungläubig an diesem Busch  hängen, als plötzlich eine Gestalt unbeholfen hervor trat. Hervortreten ist hierbei vermutlich nicht das richtige Wort. Vielmehr kroch dieser Mann, wie ich später erkannte, offensichtlich verwirrt aus diesem Hauch Natur hervor und da stand er – in seinem beige-grauen Trenchcoat Baujahr 1960 und einer dunklen Baskenmütze. Auf seiner Nase trug er eine kleine runde Brille wie ich sie aus den Zwanzigern kenne und in seiner Hand befand sich ein kleines notizähnliches Büchlein. Ich wusste nicht, was ich denken sollte und während ich so lief, stand diese Gestalt, die sich definitiv nicht bewusst war im Jahr 2009 angekommen zu sein, einfach nur da, das Notizbuch stolz zur Brust haltend, den Blick starr geradeaus gewandt. Ich beobachtete dieses Schauspiel eine Weile, schaute zögerlich über meine Schulter, um mich zu vergewissern, dass keine apokalyptische Stummfilmszene hinter mir ablief – doch es passierte einfach nichts. Ich war allein, allein mit einem verwirrten Zeitreisenden, der den Karl-Heine-Platz 1 auf wichtige Hinweise zur Errettung der Menschheit erforschte. So oder ähnlich vermutete ich es, als ich langsam und scheinbar unbemerkt an ihm vorüber ging. Strange people in Lindenau, dachte ich schmunzelnd als ich nach wenigen Schritten die Grenze nach Plagwitz passierte.

In der 8 nach Miltitz trennt sich der Weizen von der Spreu

5.11.2009 von narzisstischphilanthrop

Ich melde an diesem verregneten Dienstag Abend die erste Nachricht – live aus Lindenau.

Wenn man den Menschen nicht nur erzählt, man ziehe nach Lindenau, sondern zusätzlich erwähnt, man ziehe von der Südvorstadt nach Lindenau, bekommt man eine Vielzahl von Äußerungen zu hören, die von “Hm, das wird sicher ein Kulturshock”, über “Naja, da sind die Mieten echt günstig”, über “Waaas? Lindenau, das iss doch voll assi da” zu einfach nur “Oh…” reichen. Ich stecke das weg. Es fällt mir nicht schwer – zum einen schätze ich Diversität in einem Stadtteil, zum anderen werde ich ja nicht den ganzen Tag auf dem Lindenauer Markt rumhängen. Prinzipiell, sage ich, fahre ich von Arbeit nach Hause und bin dann in 2 Minuten von der Bahn in meiner Wohnung. Da hab ich ja mit “Lindenau”, wie es in seinen Stereotypen schillert, nicht viel zu tun. Soviel zum Prolog.

Heute war so ein Tag. Ich fuhr von Arbeit nach Hause. Um es vorwegzunehmen: Nach 8 Stunden Arbeit für das Max Planck Institut erweist die Straßenbahnlinie 8 Richtung Miltitz sich als sehr dienlich, wenn man einmal das Verlangen hat, zurück zur Basis geführt zu werden. Am Wilhelm-Leuchner-Platz fahren diverse Bahnen in diverse Richtungen. Ebenso stehen diverse Sorten Menschen an der Haltestelle. Linie 10 und 11 Richtung Südvorstadt/Connewitz führen den ersten Schritt zur Homogenisierung durch, indem sämtliche Studenten, Muttis in Mrs.Hippie Klamotten mit ihren vegan erzogenen Babys, schnuckelige Pärchen und lustig dreinblickende Rentner mit diesen beiden Linien unsere Geschichte an dieser Stelle Richtung Süden für immer verlassen. Während ich mit meinem gefüllten Karton vom Einkaufen an der Haltestelle stand, stellte ich mir die Frage, ob die Firma Nike eigentlich eine ganze Abteilung damit beschäftigt, Kleidungsstücke und Schuhe zu entwerfen, die zwar ein Akademikergehalt kosten, die Träger dieser jedoch mit sofortiger Wirkung stereotypisieren. Um kurz ein Bild zu evozieren: Was an dieser Haltestelle auf die Linie 8 wartete, war in Nike-Turschuhen in buntesten Farbkombinationen unterwegs, wobei natürlich die Jeans im Waschungs-Look oder, in der weiblichen Variante, mit Strass-Steinchen bestückt in die Turschuhe reingestopft wurde, oder, von den ganz Professionellen, zusätzlich noch in die hochgezogenen Socken stecke, ebenfalls der Firma Nike entstammend. Als die antizipierte Bahn endlich ankam, drängten sich eben solche Trendsetter an die Türen. Als diese sich öffneten, hüllte sich die Welt augenblicklich in ein schwül-warmes Geruchs-Inferno aus Bier, Kippen, Korn und ungewaschenen Menschen. Mit dem generalisierenden Gedanken, daß ich eh nicht der größte Fan öffentlicher Verkehrsmittel bin, stiegen mein Aldi-Karton und ich in den Zug Richtung neuer Heimat. Die Bahn war überfüllt. Ballonseidene Joggingjacken  rieben sich an abgewetzten Bundeswehrpullovern, Ed Hardy Hosen streiften Londsdale-Jacken. Ich wusste, mein schwarzer Fleecepulli würde heute Abend nach Kneipe riechen. Nach dem Feierabend-Bier, das ich nie getrunken habe. Der HartzIV-Feierabend-Vollrausch um mich herum wurde während meiner Orientierunsgblicke dem goldenen Hopfensaft nicht überdrüssig: Aschfahle Gesichter mit gelblichen Augen, fettigen Haaren und zerschlissenen Jogginganzügen frönten weiterhin dem Biergenuß. Merke Dir: Sternburg Bier. Obwohl ein Platz direkt vor mir frei war, blieb ich stehen, denn auf dem Sitz neben dem jungen Mann, der ebenfalls den 3 Promille Blick fest auf seine Bierflasche geheftet hatte, lagen drei weitere Flaschen Sternburg, Stopftabak, ein Handy und eine zusammengerollte Sport-Bild. Auf dieses Stilleben direkt vor meinen Augen blickte ich etwas eine Station lang, während ich versuchte, möglichst flach zu atmen, da der starke Geruch nach abgestandenem Bier langsam Übelkeit in mir zu erzeugen begann. Nach dieser eine Station allerdings blickte mich der Mann plötzlich an und sagte, in astreinem Hochdeutsch, ich betone – ohne sächsischen Dialekt: “Oh, Verzeihung, möchten sie Platz nehmen? Ich kann meine Sachen auch auf den Schoß nehmen…” Ich setzte mich hin. Eine Minute später klingelte sein Handy: “Jooaaaaah, Altaaaaaa…” Mehr zu verstehen, hätte Kenntnisse der regionalen Sprache erfordert, die mir nach 2 Jahren Leipzig noch schlüsselhaft bleibt. Aber während mein Sitznachbar am Telefon kommunizierte, vernahm ich durch die Menschenmenge, die neben mir stand, ständig das Wort “Brezel” von der Sitzreihe auf der gegenüberliegenden Seite. Das mehrmalige Wiederholen von “Brezel” oder “Brezeln” ließ  mich wundern – warum ging es um Brezeln? Martinsbrezeln? Laugenbrezeln? Erst, als an der Jahnallee alle Fahrgäste, die nicht die Eier für Lindenau hatten, ausgestiegen waren und nur noch der harte Kern in der Bahn zurückgeblieben war, wurde mir der Zusammenhang transparent: die jungen Männer zeigten fortwährend auf Frauen mit mehr oder minder großen Brüsten und bewerteten diese offensichtlich anhand einer Brezelskala: “2 Brezeln, ey Alter, die hier, 5 Brezeln…boah, die Fotze 4 Brezeln…deine Mutter Alter 6 Brezeln…” Zwischenzeitlich erreichten wir die Angerbrücke, wo nochmal 16 akkumulierte Promille zustiegen und selbstbewußt mit mir und meinem Aldikarton dem Lindenauer Markt entgegenrollten. Kurz vor Ziel wurde es dann allerdings meinem Sitznachbarn ein wenig zu eng. Ich wurde erst darauf aufmerksam, daß er etwas sagte, weil ich unweigerlich in die Richtung blicken musste, aus der ein süßlich-fauliger Geruch kam: Sein Mund. Und während dieser sich öffnete und schloss, schlugen die senfgasartigen Geruchsschwaden auf mich ein. Die akkustische Untermalung: “IschkrischPtatzschangscht-IchkrischPlatzschangscht…”Reflexartig grub sich meine Nase tiefer in meinen Schal.

Noch bevor ich darüber nachdenken konnte, wie ein potentieller Verlust von Contenance an dieser Stelle ausgehen könnte, hielt die Bahn. Ich quetschte mich zur Tür durch. Von draußen roch es nach Alpenwiese. Fest umklammerte ich meinen Aldikarton und genoss den Duft der Freiheit auf dem Weg nach Hause.