„Mach Schnaps druff!“

Das ist ein Zitat meines Opas. Ich glaube, er hat es immer dann gesagt, wenn Verletzungen oder Krankheiten entzündlicher oder akuter Art vorlagen. Fahrradunfall: Mach Schnapps druff. Mandelentzündung: Mach Schnaps druff. Zahnprobleme: Mach Schnaps druff. Sich in den Finger geschnitten: Mach Schnaps druff. Und so weiter. Ich folgerte daraus immer, daß Opa eben noch in anderen Zeiten groß geworden ist und daß die „Mach Schnaps druff“-Mentalität irgendwann aussterben würde, da Desinfektions- und Wundheilungspräperate mittlerweile für billig Geld in jedem Gemischtwarenladen zu erwerben sind. Geht man in Lindenau im Netto zur Kasse, fällt einem zu seiner Rechten das monströs erscheinende Regal sich eng an eng drängender Spirituosen ins Auge, das mit den Klassikern Mariacron, Doppelkorn, den billigen Berenzen-, Martini-, Bacardi-, und Baileys- Imitaten auf der Zielgeraden im Lindenau-Ghetto-Netto kräftig aufzutrumpfen weiß. Das Interessante an diesem Regal ist allerdings das Schild, das darüber hängt. In Discountern dieser Art ist es bekannterweise üblich, die Waren in unterschiedlichen Sektoren inhaltlich zu sortieren und orientierungsfreundliche Kategorisierungschilder wie „Konserven“, „Tiefkühlkost“ etc. über eben solche zu hängen. Das Schild über unserem Freund dem Schnapsregal verweist auf „Hausapotheke“. Opas medizinische Interventionsmethode scheint also wieder voll im Trend zu liegen. Ich verspreche, bei nächster Gelegenheit ein Photo dieses aussagekräftigen Lindenauer Orientierungsschildes hier mit hochzuladen. Wenn ich bei der Aufnahme mit meiner Digitalkamera im Supermarkt in der Schlange vor der Kasse von einem Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin dumm angemacht werden sollte, werde ich einfach sagen: „Mein Name ist Maria Cron, in bin von Stiftung Warentest.“ Das Argument dürfte ja wohl ausreichen, um mal ein Photo im Netto zu machen, denke ich.

Damit soll es aber noch nicht genug sein zum Thema „Ghetto-Netto“ (ein Wortspiel, das, wie ich finde, die Bildzeitung nicht eloquenter hätte gestalten können). Ich gehe davon aus, daß meine werten Leser an dieser Stelle wissen, was ich mit den Warenregalen meine, die es kurz vor knapp noch an der Kasse eines Supermarkts zu erkunden gibt. Feuerzeuge, Labellos, Kaugummis, die berühmten Produkte, die die demokratische Erziehung kleiner Kinder mächtig auf die Probe stellen und eben für die von uns, die es wirklich nötig haben, die guten Jungs aus der Netto-Hausapotheke nochmal in klein. Praktisch so für zwischendurch, bei der Arbeit, nach dem Sport, an der Haltestelle, vor dem Elternabend, nach dem Arbeitsamttermin oder eben auch mal für nach dem Einkauf im Netto. Eigentlich ist es immer das gleiche Klientel, was sich an dieser Auslage bedient: gefühlte 90% Kunden, die auf dem Band auch nix anderes liegen haben als 3 Sterni, Rollis (für die nicht-Kenner der Szene: das sind die billigen Zigarillos…), ner Flasche Doppelkorn und vielleicht noch die abgepackte Jagdwurst von „Gut und günstig“ oder ne Packung Toast und der Schmelzkäse aus der Plastikpackung, der nicht mal gekühlt werden muß (weder vor noch nach dem Öffnen) und trotz 3 monatigem Verweilen in offenem Zustand im Kühlschrank noch keinen Schimmel ansetzt. Eben ein solcher Zeitgenosse stand mit Produkten dieser Kategorie vor mir am Band. Seine Aufmerksamkeit zog er allerdings erst auf sich, nachdem er ca. 3 Minuten lang sämtliche Underberg-Flachmänner mindestens einmal angefaßt hatte. Das lief immer nach dem gleichen Schema ab: Flasche raus aus dem Karton, kurz gegen’s Licht gehalten, zurück in den Karton und die nächste Flasche. Gleiches Spiel. Während ich mich noch fragte, was für eine skurile Nummer das denn schon wieder sein soll, erfaßte ich den Sinn seines konzentrierten Treibens, als er seine Begutachtungsmethode modifizierte: Er hielt nun immer zwei Flaschen nebeneinander ans Licht. An dieser Stelle laße ich nun ein wildes Spekulieren zu. Einfälle werden gerne entgegengenommen. Meine Hypothese an diesem heutigen Abend: Er hat geguckt, ob in einer Flasche ’n Ticken mehr drin ist.

Wirft Fragen auf, sage ich Euch. Vielleicht sollte ich einmal von meinem naiv-gutgläubigen Einkaufs-Roß absteigen und hinterfragen, ob die 0,75 Liter auch immer das sind, was wir glauben, was sie sind. Lindenau ruft auf zur Waren-Selbst-Kontrolle: Lieber ma gucken, ob der Kartoffelsaft auch echt bis zum Strich voll ist. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Sa sdrowje. Auf die Gesundheit. Auch wenn der Russe jetzt lacht und sagt, er trinke nicht auf die Gesundheit (zit. nach Moskauer Deutsche Zeitung, 2007) – in Lindenau steht Alkoholkonsum im Netto genau unter diesem Zeichen. Na dann: „Mach Schnaps druff!“


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