Lost in Lindenau

Dinge verschwinden irgendwann einmal… und ein jeder von uns ist sicherlich schon mehr als einmal Zeuge dieses bedeutsamen Phänomens geworden. Dabei zeigt es sich in derart verschiedenen Facetten, dass es beinahe unmöglich scheint, sein Auftreten zu erahnen. Stattdessen ist es zumeist so, dass man plötzlich und mit erschütterter Miene das Fehlen eben jenen Dinges als  finales Resultat dieses Schauspiels feststellt.
Seit ich hier in meinem geliebten Lindenau hause, bin ich der Sache näher gekommen und vermute eine fundamentale geographische Ballungszone dieses Phänomens hier in den Lindenauer Breitengraden. Hier geht es an die Substanz, hier ballt sich die Energie förmlich auf und während am Abend noch alles vollständig und lückenlos harmonierte, weisen die Sonnenstrahlen am nächsten Morgen auf einen unerwarteten leeren Platz – etwas ist verschwunden.
So musste ich gestern Nachmittag beim Flanieren über den Karl-Heine-Platz feststellen, dass die bisher  für mich nicht zu identifizierende Bronzefigur nicht mehr an ihrer gewohnten Stelle zu finden war. Übrig geblieben ist lediglich der Sockel, der  Achtsame auf den Verlust aufmerksam macht und fundamentale Fragen in den stillen Raum wirft. – Vermutlich werde ich nun nie in der Lage sein, jene Figur zu benennen und im Zuge der Zeit wird sie womöglich ins Vergessen geraten. Ist das das Ende aller Dinge, die verschwinden? Keine Erklärungen, keine Hinweise auf ihren Verbleib?
Betrachte ich die bisherigen Geschehnisse in meinem Viertel, vermute ich eine endlose Kette von Fragen, deren Antworten keinen Anfang finden können: Was geschah mit den Anwohnern, die über Nacht  und ohne Hab und Gut einfach verschwunden sind? Werde ich jemals die Gelegenheit haben, meinem Fahrrad – spurlos aus seinem Abstellraum verschwunden – für die gute Zeit zu danken? Und welchen Grund kann es geben, dass Kleidungsstücke sich in Lindenau bis auf die letzte Faser entmaterialisieren?
Aus soziologischer Sicht kommen nun sicherlich klassische Erklärungsmuster zu Armut und ihren Konsequenzen schnell in Betracht. Auch die lukrativen Preise für Altmetall stellen vermutlich einen entscheidenden Faktor dar, der die mündige Lindenauer Bevölkerung zum Handeln anregt. Nun, bis zum gestrigen Tag dokumentierte ich diese Erscheinungen ohne annähernd über ihre Ursachen Auskunft geben zu können. Inzwischen – angestoßen durch das erneute Auftreten dieses Phänomens auf dem Knochenplatz – kreisen meine Gedanken nicht um naheliegende Erklärungen, sondern um jenen Besucher, dessen unzeitgemäßes und, ich möchte sagen, höchst verdächtiges Auftreten mich damals im Herbst 2009 aufmerksam machte. Ich erinnere hiermit an jenen verwirrten Zeitreisenden, bei dem ich einen geheimen Auftrag zur Errettung der Menschheit vermutete. Es erscheint mir sehr naheliegend, dass er sich damals noch in der Phase der Informationssammlung befunden haben muss. Vermutlich scheint nun eine nächste Phase der geheimen Mission angebrochen zu sein – und scheinbar werden hierfür Lindenauer und materielle Güter einer näheren Analyse unterzogen und dem irdischen Dasein entrissen.
Natürlich sind diese Annahmen hier noch sehr vage und gewiss unwissenschaftlich formuliert. Ich werde, im Zuge weiterer Informationssammlung, meine Beobachtungen auf den Umkreis des Karl-Heine-Platz 1 ausdehnen. Womöglich scheint hier die geographische Ballungszone dieses Phänomens seinen energetischen Höhepunkt zu finden.

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