Korsakow-Sprachstudien nach 22 Uhr

Nun stehe ich am Anfang dieses Artikels und überlege, ob allgemein das Wissen um das Korsakow-Syndrom vorauszusetzen ist. Um ganz sicher zu gehen – hier der kurze psychoedukative Teil: Beim Korsakow-Syndrom handelt es sich um eine Störung des Gedächtnisses, d.h. Vergessen alter Gedächtnisinhalte oder auch die Unfähigkeit, neu Erlebtes zu speichern. Das Korsakow-Syndrom steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Alkoholismus. Es können ebenso starke Gemütsschwankungen, erhöhte Müdigkeit und auch Faseln auftreten. Um dieses „Faseln“, was durch verwaschene Sprachfetzen mit diffusen Inhalten charakterisiert ist, soll es hier im Folgenden gehen.

Eigentlich kann man dieses Phänomen nicht nur nach 22 Uhr beobachten – eine Fahrt mit der Bahn durch das Szene-Viertel zwischen Georg-Schwarz-Straße und Angerbrücke reicht meist aus, um ein typisches Exemplar seiner Art zu finden. Ebenso ein Nachmittag bei Temperaturen über 15 °C auf dem Lindenauer Markt, oder auch ein Besuch in der Elsterpassage eignen sich gut, um Personen für die Stichprobe beobachten zu können. Am Abend jedoch, besonders, wenn das Fenster angekippt ist, treten die in Lindenau altbekannten Laute meist zusätzlich in der nachfolgenden Kombination von Polizeisirenen auf. Ob hier eine Kausalkette anzunehmen ist, lasse ich an dieser Stelle offen.

Was ich allerdings dringend als Tip vom Fachmann für Kenner anführen möchte: Tritt folgendes Ereignis mitten in der Nacht unter Deinem Fenster, in Deiner Straße, Dir zu Ohren: „Haaaadaaaaaawaaaaawööööwöööö-Bööööwuuuuuluuuuwaaaabaaaa-Määpoooodääääämööööööööö“ [Lautabweichungen können in Einzelfällen durchaus variieren], verhalte Dich in Deinem Bett einfach ruhig und denke daran, daß das Geräusch verstummen wird, sobald unser Freund Korsakow seinen schlangenlinienartigen Weg ungestört in Richtung irgendwo im Nirgendwo fortsetzen wird. Das Wort, das hier sogleich heraussticht, lautet „ungestört“. Eben dieses Gebot befolgte in einer lauen Frühlingsnacht ein Nachbar aus dem Haus gegenüber nicht. Es war mal wieder soweit: Klassisch für Lindenau – halb vier nachts und draußen hat jemand, der definitiv zu viel getankt hat, und das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, eindeutiges Mitteilungsbedürfnis. Eben benannte Laute sind im 2. Stock Silbengetreu zu erkennen. Ich stand auf, um die die Heizung abzustellen, weil mir zu warm ist,  und wagte den Blick nach unten auf die Straße. Ebenfalls klassisch wie aus dem Lehrbuch stand der Protagonist dieser Geschichte auf dem Bürgersteig, einen verdächtig dunklen Fleck auf der Hose im Bereich zwischen Schritt und linkem Knie, in einer Hand eine Bierflasche, die andere nach oben gereckt. Taumelnd, singend, korsakowend – kein ungewöhmliches Bild. „Er wird schon weiterziehen“, dachte ich mir, ein kognitives „Boah, ich will pennen“ war natürlich auch dabei. Als 3 Minuen später immer noch keine Ruhe eingekehrt war, verlor offenbar jemand im Haus gegenüber die Contenance. „Halt endlich Deine Fresse, ey!!!“ Ab diesem Zeitpunkt wußte ich, daß dieser, obglich nicht ungerechtfertigte Einwurf, nur eine Verlängerung der Spielzeit zu bedeuten haben konnte. Ziemlich überrascht war ich allerdings von der plötzlich fast klaren Aussprache unseres Freunds vom Bürgersteig, der rhetorischt geschickt mit „Ey, halt DU doch die Fresse, ey!!!“ konterte. Liebeleien dieser Art wurden dann die nächsten 5 Minuten ausgetaucht, bis Herr Korsakow wieder in seinen anfänglichen Singsang verfiel und ich durch die Entfernung seiner Stimme annehmen durfte, daß er sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.

Und die Moral von der Geschicht‘: Pöbel‘ ihn an und der singende Korsakow verpisst sich nicht.

Oder eben doch.

Je nach dem…

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