Der Lindenauer Minizoo


Der Zoo ist eine der Hauptattraktionen Leipzigs. Er hat eine eigene Doku-Soap, ein lustig beklebtes Parkhaus und eine Lippenbärenschlucht, die es bestimmt auch mit dem Höllenschlund bei Ronja Räubertochter aufnehmen könnte.

Jedoch, als Lindenauer ringt mir dies nur ein müdes Lächeln ab. Ich muss nicht erst in die Innenstadt fahren, mich hinter einer Horde zuckerüberdosierter Kinder einreihen, um mich an der Fauna zu erfreuen. Es geht einfacher und sogar ohne ein gewisses Zoo-Feeling entbehren zu müssen. Direkt an der Angerbrücke haben umsichtige Lindenauer, die ihren Kindern vermutlich mehr bieten wollten, als den gemeinen Schoßhund von nebenan, es geschafft ein kleines Nagerparadies zu erschaffen. Dort, an der Böschung, kurz bevor sich das dichte Geäst derart verzweigt, dass ein ungehinderter Blick unmöglich wird, türmen sich tagtäglich Berge mit Gemüseabfällen und Brötchenhaufen, die jedem Spatz in mehreren Kilometern Entfernung die Luft zum piepsen rauben. Ganze Äpfel, selbst Apfelsinenspalten konnten in diesem bunten Haufen ausgemacht werden. Mümmelnd, nagend und schmatzend davor: Generationen von Nutrias (nicht Bisamratten, wie zumeist von wissend blickenden Laien, sobald diese sich, lässig auf das Brückengeländer stützend, niedergelassen haben, kund getan wird; treffend wäre allenfalls noch die Bezeichnung Biberratte und wer mir nicht glaubt, darf gerne selbst bei Wikipedia nachschlagen). Derart wohl bedacht vom Nagerschicksal und der Lindenauer Bevölkerung, lebt hier eine Population, unbehelligt von den Widrigkeiten, denen Nutrias längst vergangener Zeiten ausgesetzt waren. Schließlich sah es lange schlecht aus für die, glücklicherweise nur durch ihren Schwanz entfernt an Ratten erinnernden, putzigen Mümmelviecher. Die hiesige Damenwelt mochte nämlich ungern auf schön gebürstete Pelzmäntel verzichten und da half es den Nutrias auch nicht, möglichst struppig und borstig daher zu kommen. Längst wusste man über die Qualitäten der Unterwolle Bescheid. Doch vorbei die dunklen Zeiten, in denen Statussymbole wichtiger waren, als der Anblick einträchtig nagender Nutriafamilien. Heute versammelt sich halb Lindenau gerne und ohne Argwohn um die pelzigen Mitbewohner. Gewissenhaft wird der Müll nur noch auf der anderen, nicht vorrangig von Nutrias bewohnten, Seite des Bächleins deponiert. Wer weiß, womöglich entdeckt das Fernsehen bald unsere Lindenauer Maskottchen. Dann können wir nur hoffen, dass sie sich stets daran erinnern, wer sich einst so aufopfernd um ihr Wohl gekümmert hat.

4 Gedanken zu „Der Lindenauer Minizoo

  1. psychomythologisch

    Oh ja, die kleinen Nutrias sind ja besonders süß. Heute Abend werfe ich mal wieder einen behütenden Blick auf sie. :)

  2. Nutria4ever

    Helft den kleinen Nutrias!
    Nutrias sind Feinschmecker, schmeisst denen nicht alles was „Bio“ ist hin.

    Save the Nutrias!

  3. narzisstischphilanthrop

    Ja, geil – im Prinzip wollte ich den inhaltlich gleichen Artikel schreiben: Ich habe den Lindenauer-Zoo auch schon gesehen; als ich an der Angerbrücke eine Familie erblickte, die sich gerade an den Nutrias erfreute, kam eine andere Familie und hat einen Müllbeutel voll Zeug da runter geworfen. Frei nach der Devise: Biomüll voll, naja, es gibt ja noch die Nutrias. ; )

  4. Feinschmecker

    Diese kleinen „Edel-Biberratten“ sollen sehr gut schmecken!
    Man kann sie wie Kaninchenbraten zubereiten.

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