Archiv der Kategorie: Geschichten aus Lindenau

Ein- und Durchreisebestimmungen für den Alt-Westen Leipzigs

Sprache:
Die
Sprache im Viertel ist vorwiegend Sächsisch und Korsakowisch. In den Gastgewerben und Gebieten mit hohem Touristenaufkommen ist eine Verständigung auf Hochdeutsch (mit Einschränkungen) möglich.

Straßenverkehr:
Im Straßenverkehr ist wegen der im
Viertel üblichen aggressiven und hektischen Fahrweise besonders umsichtiges und defensives Verhalten geboten. Gefundene Parkplätze sollten zeitnah angesteuert und das Fahrzeug diesen entsprechend angepasst werden.

Kriminalität:
Die Kriminalität im Viertel ist hoch. Sie richtet sich allerdings grundsätzlich selten gezielt gegen Durchreisende, sondern bedroht alle Bevölkerungsgruppen und daher auch die Ortsansässigen. In Touristenzentren (Lindenauer Markt) und in abgelegeneren Gegenden (Ghetto Netto) sind Reisende jedoch durchaus gezielt Opfer von Übergriffen im Rahmen niedriger psychosozialer Hemmschwellen. Zu erhöhter Vorsicht wird geraten.
Im Allgemeinen sollten Wertsachen nur in unbedingt erforderlichem Umfang mitgeführt werden. Auf Schmuck, auch billigen Modeschmuck, sollte verzichtet werden. In größeren Menschenansammlungen sollte besonders auf Geldbörse und Alkoholika geachtet werden.
Damit das Nachtleben im Viertel ungehindert seinen Gang gehen kann, werden in in öffentlichen Bars, Discos und Clubs in Getränke narkotisierend wirkende Stoffe (Alkohol) gemischt. Es wird deshalb dringend dazu geraten, Getränke nie aus den Augen zu lassen und sofort zu leeren.

Bei einem Überfall wird dringend dazu geraten, keine Gegenwehr zu leisten und Wertgegenstände (vor allem Alkoholika) an den Aggressor widerstandslos auszuhändigen.
In Notfällen wenden Sie sich bitte an das ansässige Polizeirevier im Stadtteil Plagwitz. Direkt vor Ort gibt es diesbezüglich keine Möglichkeiten (mehr).
Grundsätzlich ist es notwendig, jederzeit aufmerksam das Geschehen auf der Straße zu verfolgen und Geldbeutel sowie Pfandgut sicher zu verstauen.

Impfschutz:
Das Auswärtige Amt empfiehlt, die Standardimpfungen gemäß aktuellem Impfkalender des Robert-Koch-Institutes zu überprüfen und zu vervollständigen. Als Reiseimpfungen werden Hepatitis A, bei Langzeitaufenthalt oder besonderer Exposition auch Hepatitis B empfohlen.

Angenehmen Aufenthalt.

 

Die Zeit vergeht. Hofnachbarn bleiben.

Als ich vor mehr als zehn Jahren nach Lindenau zog, war der Stadtteil definitiv uncool. Gefragt wo ich denn wohne, nuschelte ich mich vom L zum au und fügte immer noch ein „So schlimm ist es aber gar nicht“ dazu. Immerhin, als ich meine Möbel damals mehrere Etagen hoch in mein WG-Zimmer schleppte, gab es nebenan noch Müller statt KiK. Zugegeben: der Aldi am Ende einer langen Rolltreppe in lindenauische Tiefen hatte noch keinen Kultstatus und es gab ihn vor allem noch, aber es lebte sich nicht schlecht. Trotzdem fühlte ich mich hauptsächlich als Thüringer im Exil, „wohnte“ zwar im Westen Leipzigs, aber wohnen muss man ja eben irgendwo.

Zehn Jahre später nun ist Lindenau hip. Der hiesige Drogeriemarkt würde auch mit warmen Semmeln nicht mehr Profit machen können. Es gibt Bioläden, Galerien, Wächterhäuser und andere alternative Projekte. Und den Kik. Ich wette heutige Studenten buchstabieren den Namen ihres Stadtteils laut und deutlich, wenn sie nach ihrem Wohnort gefragt werden und sie sind unübersehbarer Teil des neuen Lindenaus.

Dafür dass ich mich nicht jeden Tag wie ein Mondspazierer fühle, sorgen meine persönlichen Relikte des alten Lindenaus: die blaue Perle als sicherer Quell nächtlichen Entertainments, die Kunstinstallationen am Lindenauer Markt, die nach wie vor eher schlechten Graffitis an den Wänden und meine Nachbarn. Genauer gesagt meine Nachbarhofnachbarn. Sie sind mir nach wie vor nahe, denn der Hof ist ihr bevorzugter Aufenthaltsort und so wie unsere Häuser sich Seite an Seite schmiegen, sich gegenseitig stützen und Halt geben, sorgen sie dafür, dass ich lindenauer Bodenhaftung behalte.

Mann und Frau Hofnachbar haben seit einer Weile Kinder. Zwei Mädchen. Ich bin mir sicher, sie kennen ihren Hof wie ihre rosa Anoraktaschen. Später werden sie sich einmal nostalgisch an jenen Ort zurück denken, den sie in ihrer Kindheit so ausgiebig bespielt haben. Woran genau werden sich Nachbarhofkind eins und zwei aber erinnern? Ich stehe oft fasziniert am Fenster und beobachte ihr „Spiel“, dass nur eine Variation zu kennen scheint: Kind 1 nehme ein Spielgerät seiner Wahl (Dreirad, Federballschläger, Puppe, es ist ganz egal) und benutze es irgendwie als Waffe gegen Kind 2 und umgekehrt. Ich frage mich, ob sich ihnen bereits der wirkliche Sinn mancher Spielsachen erschlossen hat oder ob sie hinter allem nur den einen Zweck sehen: auf andere eindreschen. Zielsicher verwenden sie dabei durchaus angebrachtes Vokabular, das von vielen Häuserwänden zurückgeworfen, meine Küche erfüllt.

Seit ich nun selbst ein Kind habe, stehe ich allerdings vor einem Dilemma: Wie dem Spross erklären was dort unten vor sich geht? Muss ich es nicht rechtzeitig am Spiel Lindenau Style teilhaben lassen, damit es später genügend Streetcredibility hat? Insgeheim fürchte ich auch bereits um das Taschengeld des deutlich jüngeren Nachwuchses, denn wächst hier nicht die gefürchtete Mädchengang von morgen heran? Vielleicht sollte ich sie schleunigst zu Verbündeten machen, ein Stück Kuchen, das gut investiert wäre? Ich werde bei einer Tasse Tee aus dem Biomarkt am Küchenfenster darüber nachdenken.

Nostalgie in Lindenau

Nostalgie in Lindenau

Auf der Lützner

Hast deinen geographischen Ursprung in Lindenau,
und führst uns hinaus bis ins Grünste von Grünau.
Birgst zahlreiche Seitenstraßen und geheime Gassen,
lädst ein zum Flanieren, um nichts zu verpassen.

In meinem Alltag weckst du mich mit Lärm und Gebrüll,
des nachts erheiternd mit kräftigen Tritten gegen den Müll.
Führst mich stets zum Netto meines Ghettos am Tage,
Amore, Amore! – Lieferst mir die beste Pizza der Lage.

Lützner – auf dir haust das Leben,
Straße der sündigen Nacht.
Lützner – dem Alltag erlegen,
Pflaster schmutziger Pracht.

Zeigst stolze und schamlos schattige Seiten,
hinaus bis in die fernsten westlichen Weiten.
Mit schönsten Plakaten weist du uns den Weg,
doch stets mit traumentleerten Flaschen übersät.

Bietest zahlreich Zuflucht dem sündigen Spieler,
und bist im Neuen Schauspiel Tagtraumdealer.
Mit Waffen Army schützt du seit jeher dein Revier,
und auch der Seemann dreht treu seine Runden auf dir.

Lützner – auf dir haust das Leben,
Straße der sündigen Nacht.
Lützner – dem Alltag erlegen,
Pflaster schmutziger Pracht.

Winter in Lindenau

Nach der überraschenderweise nicht eingetretenen Apokalypse ist es wieder soweit – der Winter zeigt sich von seiner schneeweißen Seite und auch in Lindenau hat die weiße Pracht Einzug gehalten. Jetzt, ein paar gute Tage nach dem ersten Schneefall hat sich des Winters Weiß dem ergrauten Antlitz des Viertels angeglichen, dennoch bleibt genügend Potential, um den Kinder-Winterfreuden auch im hohen Erwachsenenalter nachzukommen. Doch wohin soll es gehen im Flachland Leipzig – und vor allem, hat Lindenau einen angemessenen Spaßbeitrag beizusteuern?
Die Frage kann definitiv mit einem klaren JA beantwortet werden. Schon aus glücklichen sozialistischen Kindertagen, an denen zumindest Schneeballschlachten und Schlittenfahrten noch nicht zur Gefährdung der Staatssicherheit beitrugen, kann ich mich an diverse Schneefahrten im Leipziger Westen erinnern. Besonders ein Platz ist mir dabei in liebevoller Erinnerung geblieben und verdient somit eine würdige Erwähnung in diesem Blog.
Für diesen verborgenen Rodelplatz, um den sich die Gemüter streiten und der vor allem von nicht-Einheimischen stets belächelt wird, begeben wir uns wieder ins Grenzgebiet zu Plagwitz, zum Karl-Heine-Platz 1 – unter Einheimischen auch als guter alter Knochenplatz bekannt. Jener Ort wurde nun schon aufgrund diverser Begebenheiten in diesem Blog erwähnt und so freut es mich, ihm eine weitere Bedeutung zukommen zu lassen.
Betrachtet man eben jenen Knochenplatz im Detail, so findet man neben altbekannten Spieltürmen oder der ominösen namenlosen Statue einen kleinen, zunächst unscheinbaren Hügel. Für unerfahrene Lindenauer oder auch Ortsfremde mag diese Anhöhe keine außerordentlichen Assoziationen erwecken, doch aus Kindheitstagen kann ich mich an fidele und aufregende Rodelfahrten mit dem nostalgischen Holzschlitten von genau jenem Hügel erinnern. Für den erwachsenen Betrachter so unscheinbar harmlos – mit Kinderaugen eine abenteuerliche Abwärtsfahrt vom Todesberg des Knochenplatzes. – Und auch jetzt, wenn es mich an diesen eisigen Tagen in jene Grenzregion Lindenaus zieht, kann ich es genau beobachten: Die Zukunft Lindenaus in ihren – dem grauen Antlitz entgegenstehenden – farbenfrohen Schneeanzügen, ausgiebig die Schlittenfahrt auf dem Knochenplatz genießend, mit dem unstillbaren Verlangen nach einem neuen Abenteuer auf eben jenem Todeshügel. Stolze Mütter, lachende Kinder – mir wird warm ums Herz und so ziehe ich gedankenverloren an eigene gelöste Tage weiter und danke dir, oh Lindenau, für gegenwärtige und vergangene prägende Stunden.

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Lost in Lindenau

Dinge verschwinden irgendwann einmal… und ein jeder von uns ist sicherlich schon mehr als einmal Zeuge dieses bedeutsamen Phänomens geworden. Dabei zeigt es sich in derart verschiedenen Facetten, dass es beinahe unmöglich scheint, sein Auftreten zu erahnen. Stattdessen ist es zumeist so, dass man plötzlich und mit erschütterter Miene das Fehlen eben jenen Dinges als  finales Resultat dieses Schauspiels feststellt.
Seit ich hier in meinem geliebten Lindenau hause, bin ich der Sache näher gekommen und vermute eine fundamentale geographische Ballungszone dieses Phänomens hier in den Lindenauer Breitengraden. Hier geht es an die Substanz, hier ballt sich die Energie förmlich auf und während am Abend noch alles vollständig und lückenlos harmonierte, weisen die Sonnenstrahlen am nächsten Morgen auf einen unerwarteten leeren Platz – etwas ist verschwunden.
So musste ich gestern Nachmittag beim Flanieren über den Karl-Heine-Platz feststellen, dass die bisher  für mich nicht zu identifizierende Bronzefigur nicht mehr an ihrer gewohnten Stelle zu finden war. Übrig geblieben ist lediglich der Sockel, der  Achtsame auf den Verlust aufmerksam macht und fundamentale Fragen in den stillen Raum wirft. – Vermutlich werde ich nun nie in der Lage sein, jene Figur zu benennen und im Zuge der Zeit wird sie womöglich ins Vergessen geraten. Ist das das Ende aller Dinge, die verschwinden? Keine Erklärungen, keine Hinweise auf ihren Verbleib?
Betrachte ich die bisherigen Geschehnisse in meinem Viertel, vermute ich eine endlose Kette von Fragen, deren Antworten keinen Anfang finden können: Was geschah mit den Anwohnern, die über Nacht  und ohne Hab und Gut einfach verschwunden sind? Werde ich jemals die Gelegenheit haben, meinem Fahrrad – spurlos aus seinem Abstellraum verschwunden – für die gute Zeit zu danken? Und welchen Grund kann es geben, dass Kleidungsstücke sich in Lindenau bis auf die letzte Faser entmaterialisieren?
Aus soziologischer Sicht kommen nun sicherlich klassische Erklärungsmuster zu Armut und ihren Konsequenzen schnell in Betracht. Auch die lukrativen Preise für Altmetall stellen vermutlich einen entscheidenden Faktor dar, der die mündige Lindenauer Bevölkerung zum Handeln anregt. Nun, bis zum gestrigen Tag dokumentierte ich diese Erscheinungen ohne annähernd über ihre Ursachen Auskunft geben zu können. Inzwischen – angestoßen durch das erneute Auftreten dieses Phänomens auf dem Knochenplatz – kreisen meine Gedanken nicht um naheliegende Erklärungen, sondern um jenen Besucher, dessen unzeitgemäßes und, ich möchte sagen, höchst verdächtiges Auftreten mich damals im Herbst 2009 aufmerksam machte. Ich erinnere hiermit an jenen verwirrten Zeitreisenden, bei dem ich einen geheimen Auftrag zur Errettung der Menschheit vermutete. Es erscheint mir sehr naheliegend, dass er sich damals noch in der Phase der Informationssammlung befunden haben muss. Vermutlich scheint nun eine nächste Phase der geheimen Mission angebrochen zu sein – und scheinbar werden hierfür Lindenauer und materielle Güter einer näheren Analyse unterzogen und dem irdischen Dasein entrissen.
Natürlich sind diese Annahmen hier noch sehr vage und gewiss unwissenschaftlich formuliert. Ich werde, im Zuge weiterer Informationssammlung, meine Beobachtungen auf den Umkreis des Karl-Heine-Platz 1 ausdehnen. Womöglich scheint hier die geographische Ballungszone dieses Phänomens seinen energetischen Höhepunkt zu finden.

Las Vegas in Lindenau

Es ist  wieder soweit – seit gut einer Woche bietet sich die Möglichkeit,  einen bunt gemischten Pilgerstrom am Lindenauer Cottaweg zu beobachten. Dreimal im Jahr strömen sie aus allen Stadtteilen zu einem scheinbar neuen Mekka in Leipzig. Hier, so weiß es der Kenner, findet seit Ende der 30er Jahre die Leipziger Kleinmesse statt – und so wandelt sich der meist leere und öde Platz binnen von Tagen in ein Lichtermeer unvorstellbaren Ausmaßes.
Angetrieben von glückseligen Erinnerungen aus Kindheitstagen beschloss ich, diesem Spektakel einen Besuch abzustatten. So ging es an einem lauen Frühlingsabend mit meiner WG vorbei am Lindenauer Mini-Zoo gen Frühjahrskleinmesse. Bereits mehrere Meter vom eigentlichen Schauplatz entfernt, konnten wir uns in den Pilgerstrom einordnen. Vor den Toren der heiligen Spielstätte hielten wir einen Augenblick inne – atemberaubend – Willkommen im Wallfahrtsort der Unterhaltungsindustrie. Hier bleibt kein Wunsch unerfüllt, hier werden wir uns unserer unbewussten Dynamiken gewahr: Willkommen in Las Vegas in Lindenau!


Eine Welle der Begeisterung strömte über uns und berauscht von psychedelischen Farben und absonderlichen musikalischen Kompositionen stürzten wir uns ins Getümmel – vorbei an blauer Zuckerwatte, Kräppelchen, die man unbedingt probiert haben sollte und der legendären Wildwasserbahn, die so manches Kindheitstrauma in Erinnerung rief.
Es brauchte nur einen Schritt  und vergessen war sie, die graue und alltägliche Welt hinter uns. Es schien geradezu als befänden wir uns in  einer anderen bisher unerforschten Dimension, in der bisher Bestehendes aufgelöst wurde und  es neue Strukturen zu entdecken galt. Hier wird jede unbewusste Regung angesprochen, hier kann man sein, wer man ist. Wo wir in der uns vertrauten Welt zu bewusster Triebkontrolle erzogen werden, können wir hier all unsere seelischen Grenzen auflösen. Hier begegnen wir dem Lustprinzip in seiner natürlichsten Form und jedes Bedürfnis kann gestillt werden – sei es die  spannungsreduzierende Geisterfahrt beim Autoscooter  oder  das ausgiebige Ausleben regressiver Tendenzen in der Geisterbahn – nichts muss, alles kann, lautet hier das oberste Prinzip.
Geblendet von irrealer Glückseligkeit bemerkte ich es dennoch – auch im nirvanaähnlichsten Zustand können wir unser wahres Selbst nicht verbergen – und was ich ursprünglich als differenzierten Pilgerstrom betrachtete, wurde – im Angesicht der dutzenden Mariacrons an den gefühlten 30 Schießständen – revidiert.
Das Lindenauer Vegas stellt jedenfalls eine unerschöpfliche Oase des Wohlfühlens dar und hat sich im Laufe der Jahre vortrefflich an seine Besucher angepasst. So kann ich vor allem den Familientag am Mittwoch jedem ans Herz legen. Hier kann man nicht nur die ganze Schar an einem Tag glücklich machen, sondern nebst niedrigeren Preisen sogar noch alles für das leibliche Wohl ergattern. Während ich mich aus fernen Kindheitstagen an  die üblichen überdimensional großen Stofftiere als  Gewinn erinnere, heißt es zum Familientag an einigen Ständen siegessicher: 3 Treffer – 1 Fass Bier. Was bleibt mir da abschließendes zu sagen als: Vegas, du lässt keine Wünsche unerfüllt, bist Magnet für Abenteurer, Mafiosi und Spekulanten.

Der Lindenauer Minizoo


Der Zoo ist eine der Hauptattraktionen Leipzigs. Er hat eine eigene Doku-Soap, ein lustig beklebtes Parkhaus und eine Lippenbärenschlucht, die es bestimmt auch mit dem Höllenschlund bei Ronja Räubertochter aufnehmen könnte.

Jedoch, als Lindenauer ringt mir dies nur ein müdes Lächeln ab. Ich muss nicht erst in die Innenstadt fahren, mich hinter einer Horde zuckerüberdosierter Kinder einreihen, um mich an der Fauna zu erfreuen. Es geht einfacher und sogar ohne ein gewisses Zoo-Feeling entbehren zu müssen. Direkt an der Angerbrücke haben umsichtige Lindenauer, die ihren Kindern vermutlich mehr bieten wollten, als den gemeinen Schoßhund von nebenan, es geschafft ein kleines Nagerparadies zu erschaffen. Dort, an der Böschung, kurz bevor sich das dichte Geäst derart verzweigt, dass ein ungehinderter Blick unmöglich wird, türmen sich tagtäglich Berge mit Gemüseabfällen und Brötchenhaufen, die jedem Spatz in mehreren Kilometern Entfernung die Luft zum piepsen rauben. Ganze Äpfel, selbst Apfelsinenspalten konnten in diesem bunten Haufen ausgemacht werden. Mümmelnd, nagend und schmatzend davor: Generationen von Nutrias (nicht Bisamratten, wie zumeist von wissend blickenden Laien, sobald diese sich, lässig auf das Brückengeländer stützend, niedergelassen haben, kund getan wird; treffend wäre allenfalls noch die Bezeichnung Biberratte und wer mir nicht glaubt, darf gerne selbst bei Wikipedia nachschlagen). Derart wohl bedacht vom Nagerschicksal und der Lindenauer Bevölkerung, lebt hier eine Population, unbehelligt von den Widrigkeiten, denen Nutrias längst vergangener Zeiten ausgesetzt waren. Schließlich sah es lange schlecht aus für die, glücklicherweise nur durch ihren Schwanz entfernt an Ratten erinnernden, putzigen Mümmelviecher. Die hiesige Damenwelt mochte nämlich ungern auf schön gebürstete Pelzmäntel verzichten und da half es den Nutrias auch nicht, möglichst struppig und borstig daher zu kommen. Längst wusste man über die Qualitäten der Unterwolle Bescheid. Doch vorbei die dunklen Zeiten, in denen Statussymbole wichtiger waren, als der Anblick einträchtig nagender Nutriafamilien. Heute versammelt sich halb Lindenau gerne und ohne Argwohn um die pelzigen Mitbewohner. Gewissenhaft wird der Müll nur noch auf der anderen, nicht vorrangig von Nutrias bewohnten, Seite des Bächleins deponiert. Wer weiß, womöglich entdeckt das Fernsehen bald unsere Lindenauer Maskottchen. Dann können wir nur hoffen, dass sie sich stets daran erinnern, wer sich einst so aufopfernd um ihr Wohl gekümmert hat.

„Mach Schnaps druff!“

Das ist ein Zitat meines Opas. Ich glaube, er hat es immer dann gesagt, wenn Verletzungen oder Krankheiten entzündlicher oder akuter Art vorlagen. Fahrradunfall: Mach Schnapps druff. Mandelentzündung: Mach Schnaps druff. Zahnprobleme: Mach Schnaps druff. Sich in den Finger geschnitten: Mach Schnaps druff. Und so weiter. Ich folgerte daraus immer, daß Opa eben noch in anderen Zeiten groß geworden ist und daß die „Mach Schnaps druff“-Mentalität irgendwann aussterben würde, da Desinfektions- und Wundheilungspräperate mittlerweile für billig Geld in jedem Gemischtwarenladen zu erwerben sind. Geht man in Lindenau im Netto zur Kasse, fällt einem zu seiner Rechten das monströs erscheinende Regal sich eng an eng drängender Spirituosen ins Auge, das mit den Klassikern Mariacron, Doppelkorn, den billigen Berenzen-, Martini-, Bacardi-, und Baileys- Imitaten auf der Zielgeraden im Lindenau-Ghetto-Netto kräftig aufzutrumpfen weiß. Das Interessante an diesem Regal ist allerdings das Schild, das darüber hängt. In Discountern dieser Art ist es bekannterweise üblich, die Waren in unterschiedlichen Sektoren inhaltlich zu sortieren und orientierungsfreundliche Kategorisierungschilder wie „Konserven“, „Tiefkühlkost“ etc. über eben solche zu hängen. Das Schild über unserem Freund dem Schnapsregal verweist auf „Hausapotheke“. Opas medizinische Interventionsmethode scheint also wieder voll im Trend zu liegen. Ich verspreche, bei nächster Gelegenheit ein Photo dieses aussagekräftigen Lindenauer Orientierungsschildes hier mit hochzuladen. Wenn ich bei der Aufnahme mit meiner Digitalkamera im Supermarkt in der Schlange vor der Kasse von einem Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin dumm angemacht werden sollte, werde ich einfach sagen: „Mein Name ist Maria Cron, in bin von Stiftung Warentest.“ Das Argument dürfte ja wohl ausreichen, um mal ein Photo im Netto zu machen, denke ich.

Damit soll es aber noch nicht genug sein zum Thema „Ghetto-Netto“ (ein Wortspiel, das, wie ich finde, die Bildzeitung nicht eloquenter hätte gestalten können). Ich gehe davon aus, daß meine werten Leser an dieser Stelle wissen, was ich mit den Warenregalen meine, die es kurz vor knapp noch an der Kasse eines Supermarkts zu erkunden gibt. Feuerzeuge, Labellos, Kaugummis, die berühmten Produkte, die die demokratische Erziehung kleiner Kinder mächtig auf die Probe stellen und eben für die von uns, die es wirklich nötig haben, die guten Jungs aus der Netto-Hausapotheke nochmal in klein. Praktisch so für zwischendurch, bei der Arbeit, nach dem Sport, an der Haltestelle, vor dem Elternabend, nach dem Arbeitsamttermin oder eben auch mal für nach dem Einkauf im Netto. Eigentlich ist es immer das gleiche Klientel, was sich an dieser Auslage bedient: gefühlte 90% Kunden, die auf dem Band auch nix anderes liegen haben als 3 Sterni, Rollis (für die nicht-Kenner der Szene: das sind die billigen Zigarillos…), ner Flasche Doppelkorn und vielleicht noch die abgepackte Jagdwurst von „Gut und günstig“ oder ne Packung Toast und der Schmelzkäse aus der Plastikpackung, der nicht mal gekühlt werden muß (weder vor noch nach dem Öffnen) und trotz 3 monatigem Verweilen in offenem Zustand im Kühlschrank noch keinen Schimmel ansetzt. Eben ein solcher Zeitgenosse stand mit Produkten dieser Kategorie vor mir am Band. Seine Aufmerksamkeit zog er allerdings erst auf sich, nachdem er ca. 3 Minuten lang sämtliche Underberg-Flachmänner mindestens einmal angefaßt hatte. Das lief immer nach dem gleichen Schema ab: Flasche raus aus dem Karton, kurz gegen’s Licht gehalten, zurück in den Karton und die nächste Flasche. Gleiches Spiel. Während ich mich noch fragte, was für eine skurile Nummer das denn schon wieder sein soll, erfaßte ich den Sinn seines konzentrierten Treibens, als er seine Begutachtungsmethode modifizierte: Er hielt nun immer zwei Flaschen nebeneinander ans Licht. An dieser Stelle laße ich nun ein wildes Spekulieren zu. Einfälle werden gerne entgegengenommen. Meine Hypothese an diesem heutigen Abend: Er hat geguckt, ob in einer Flasche ’n Ticken mehr drin ist.

Wirft Fragen auf, sage ich Euch. Vielleicht sollte ich einmal von meinem naiv-gutgläubigen Einkaufs-Roß absteigen und hinterfragen, ob die 0,75 Liter auch immer das sind, was wir glauben, was sie sind. Lindenau ruft auf zur Waren-Selbst-Kontrolle: Lieber ma gucken, ob der Kartoffelsaft auch echt bis zum Strich voll ist. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Sa sdrowje. Auf die Gesundheit. Auch wenn der Russe jetzt lacht und sagt, er trinke nicht auf die Gesundheit (zit. nach Moskauer Deutsche Zeitung, 2007) – in Lindenau steht Alkoholkonsum im Netto genau unter diesem Zeichen. Na dann: „Mach Schnaps druff!“


Korsakow-Sprachstudien nach 22 Uhr

Nun stehe ich am Anfang dieses Artikels und überlege, ob allgemein das Wissen um das Korsakow-Syndrom vorauszusetzen ist. Um ganz sicher zu gehen – hier der kurze psychoedukative Teil: Beim Korsakow-Syndrom handelt es sich um eine Störung des Gedächtnisses, d.h. Vergessen alter Gedächtnisinhalte oder auch die Unfähigkeit, neu Erlebtes zu speichern. Das Korsakow-Syndrom steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Alkoholismus. Es können ebenso starke Gemütsschwankungen, erhöhte Müdigkeit und auch Faseln auftreten. Um dieses „Faseln“, was durch verwaschene Sprachfetzen mit diffusen Inhalten charakterisiert ist, soll es hier im Folgenden gehen.

Eigentlich kann man dieses Phänomen nicht nur nach 22 Uhr beobachten – eine Fahrt mit der Bahn durch das Szene-Viertel zwischen Georg-Schwarz-Straße und Angerbrücke reicht meist aus, um ein typisches Exemplar seiner Art zu finden. Ebenso ein Nachmittag bei Temperaturen über 15 °C auf dem Lindenauer Markt, oder auch ein Besuch in der Elsterpassage eignen sich gut, um Personen für die Stichprobe beobachten zu können. Am Abend jedoch, besonders, wenn das Fenster angekippt ist, treten die in Lindenau altbekannten Laute meist zusätzlich in der nachfolgenden Kombination von Polizeisirenen auf. Ob hier eine Kausalkette anzunehmen ist, lasse ich an dieser Stelle offen.

Was ich allerdings dringend als Tip vom Fachmann für Kenner anführen möchte: Tritt folgendes Ereignis mitten in der Nacht unter Deinem Fenster, in Deiner Straße, Dir zu Ohren: „Haaaadaaaaaawaaaaawööööwöööö-Bööööwuuuuuluuuuwaaaabaaaa-Määpoooodääääämööööööööö“ [Lautabweichungen können in Einzelfällen durchaus variieren], verhalte Dich in Deinem Bett einfach ruhig und denke daran, daß das Geräusch verstummen wird, sobald unser Freund Korsakow seinen schlangenlinienartigen Weg ungestört in Richtung irgendwo im Nirgendwo fortsetzen wird. Das Wort, das hier sogleich heraussticht, lautet „ungestört“. Eben dieses Gebot befolgte in einer lauen Frühlingsnacht ein Nachbar aus dem Haus gegenüber nicht. Es war mal wieder soweit: Klassisch für Lindenau – halb vier nachts und draußen hat jemand, der definitiv zu viel getankt hat, und das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, eindeutiges Mitteilungsbedürfnis. Eben benannte Laute sind im 2. Stock Silbengetreu zu erkennen. Ich stand auf, um die die Heizung abzustellen, weil mir zu warm ist,  und wagte den Blick nach unten auf die Straße. Ebenfalls klassisch wie aus dem Lehrbuch stand der Protagonist dieser Geschichte auf dem Bürgersteig, einen verdächtig dunklen Fleck auf der Hose im Bereich zwischen Schritt und linkem Knie, in einer Hand eine Bierflasche, die andere nach oben gereckt. Taumelnd, singend, korsakowend – kein ungewöhmliches Bild. „Er wird schon weiterziehen“, dachte ich mir, ein kognitives „Boah, ich will pennen“ war natürlich auch dabei. Als 3 Minuen später immer noch keine Ruhe eingekehrt war, verlor offenbar jemand im Haus gegenüber die Contenance. „Halt endlich Deine Fresse, ey!!!“ Ab diesem Zeitpunkt wußte ich, daß dieser, obglich nicht ungerechtfertigte Einwurf, nur eine Verlängerung der Spielzeit zu bedeuten haben konnte. Ziemlich überrascht war ich allerdings von der plötzlich fast klaren Aussprache unseres Freunds vom Bürgersteig, der rhetorischt geschickt mit „Ey, halt DU doch die Fresse, ey!!!“ konterte. Liebeleien dieser Art wurden dann die nächsten 5 Minuten ausgetaucht, bis Herr Korsakow wieder in seinen anfänglichen Singsang verfiel und ich durch die Entfernung seiner Stimme annehmen durfte, daß er sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.

Und die Moral von der Geschicht‘: Pöbel‘ ihn an und der singende Korsakow verpisst sich nicht.

Oder eben doch.

Je nach dem…

Bässe zählen

Ein halbes Jahr ist es nun her, dass ich mein Domizil von der Südvorstadt ins neue Connewitz, nach Lindenau, verlegt habe. Inzwischen habe ich die ersten kulturellen Besonderheiten und ethnischen Absonderlichkeiten meines Heimatviertels kennen gelernt und möchte heute einen kleinen Beitrag zur typischen Abendgestaltung in Lindenau leisten. Dem Leipziger Kenner mag noch nicht entgangen sein, dass es durchaus innerstädtische Differenzen in den allabendlichen Aktivitäten der Leipziger gibt. Während man sich in Connewitz am liebsten mit den physikalischen Auswirkungen fliegender Steine auf Glasscheiben beschäftigt, haben die Lindenauer eine ganz eigene Art die Nachtstunden verstreichen zu lassen.
Bässe zählen – lautet das kostengünstige Spiel für alle schlaflosen Lindenauer und auch ich kam gestern wieder einmal unverhofft in den Genuss dieses westlichen Abendrituals. Die Spielregeln sind einfach:  man warte ab bis der Zeiger der Uhr die Abendstunden einleitet und öffne ein Fenster.  Letzteres  ist zuweilen nicht unbedingt zwingend, da es durchaus vorkommt unpersönlich von den nachbarlichen Klängen in das Spiel eingeladen zu werden. Anders als in der Südvorstadt, wo sich derartige alternative Angebote an kalendarischen Normen orientieren, kennt man in Lindenau keine zyklischen Begrenzungen. So kann man dem Bässe zählen nicht nur am Wochenende oder in den Semesterferien frönen, auch an zahlreichen Wochentagen oder zu ungewöhnlichen Uhrzeiten kommt man in diesen klanghaften Genuss. Warten muss man auf die Spielgelegenheit demnach nicht lange, dennoch sollte man reichlich Geduld mitbringen, da es sich nicht um ein kurzweiliges Vergnügen handelt. Ist man nach einigen Stunden bei einer entsprechend hohen Anzahl von Bässen angekommen und hat womöglich sogar schon den bescheiden angestrebten Halbschlaf erreicht, kann man durchaus eine zweite Runde gegen 4 Uhr Morgens angehen. Dem Spielspaß sind somit kaum Grenzen gesetzt.
In meiner bisherigen Zeit in Lindenau habe ich bereits verschiedene Varianten dieses Abendrituals kennen gelernt. Wem also das einfache Zählen ins Unendliche nicht genug kognitive Ressourcen abverlangt, dem kann ich die advanced edition von Bässe zählen nur ans Herz legen. Hier sind besondere Schwierigkeitsstufen eingebaut, hier kann man an seine Grenzen gehen. Poltern, Möbelrücken oder improvisierte Trommelsessions wirken als zusätzliche Distraktoren auf das Zählmanöver und auch für die philosophisch Bewanderten unter uns gibt es Spielalternativen: Ist man dem Bässe zählen überdrüssig, kann man kinderleicht dazu übergehen, tiefere existentielle Botschaften in den Bass übertönenden Mitteilungen Lindenauer Nachbarn zu entschlüsseln. Hier werden wichtige Aspekte des Lebens aufgegriffen wie beispielsweise interindividuelle Vergleiche menschlicher körperlicher Abbauprodukte. So kann man in zahlreichen nächtlichen Diskursen auf wichtige Fragen des Lebens stoßen und erhält zugleich aussagekräftige Resümees à la Rotze klebt oder Kotze ist doof, worüber sich gewiss eine geraume Zeit sinnieren lässt. Wem es hierbei gelingt, die Anzahl der Bässe im Auge zu behalten, der zählt vermutlich zu den Top Level Vertretern von Bässe zählen. Bei den zahlreichen zwangsverordneten Spielgelegenheiten sind Übungseffekte natürlich garantiert. Und so bin ich bei der nächsten Partie sicherlich wieder mit dabei.
Bässe zählen – das anonyme interaktive Gesellschaftsspiel, frei Haus für Jung und Alt in Lindenau.