Bässe zählen

Ein halbes Jahr ist es nun her, dass ich mein Domizil von der Südvorstadt ins neue Connewitz, nach Lindenau, verlegt habe. Inzwischen habe ich die ersten kulturellen Besonderheiten und ethnischen Absonderlichkeiten meines Heimatviertels kennen gelernt und möchte heute einen kleinen Beitrag zur typischen Abendgestaltung in Lindenau leisten. Dem Leipziger Kenner mag noch nicht entgangen sein, dass es durchaus innerstädtische Differenzen in den allabendlichen Aktivitäten der Leipziger gibt. Während man sich in Connewitz am liebsten mit den physikalischen Auswirkungen fliegender Steine auf Glasscheiben beschäftigt, haben die Lindenauer eine ganz eigene Art die Nachtstunden verstreichen zu lassen.
Bässe zählen – lautet das kostengünstige Spiel für alle schlaflosen Lindenauer und auch ich kam gestern wieder einmal unverhofft in den Genuss dieses westlichen Abendrituals. Die Spielregeln sind einfach:  man warte ab bis der Zeiger der Uhr die Abendstunden einleitet und öffne ein Fenster.  Letzteres  ist zuweilen nicht unbedingt zwingend, da es durchaus vorkommt unpersönlich von den nachbarlichen Klängen in das Spiel eingeladen zu werden. Anders als in der Südvorstadt, wo sich derartige alternative Angebote an kalendarischen Normen orientieren, kennt man in Lindenau keine zyklischen Begrenzungen. So kann man dem Bässe zählen nicht nur am Wochenende oder in den Semesterferien frönen, auch an zahlreichen Wochentagen oder zu ungewöhnlichen Uhrzeiten kommt man in diesen klanghaften Genuss. Warten muss man auf die Spielgelegenheit demnach nicht lange, dennoch sollte man reichlich Geduld mitbringen, da es sich nicht um ein kurzweiliges Vergnügen handelt. Ist man nach einigen Stunden bei einer entsprechend hohen Anzahl von Bässen angekommen und hat womöglich sogar schon den bescheiden angestrebten Halbschlaf erreicht, kann man durchaus eine zweite Runde gegen 4 Uhr Morgens angehen. Dem Spielspaß sind somit kaum Grenzen gesetzt.
In meiner bisherigen Zeit in Lindenau habe ich bereits verschiedene Varianten dieses Abendrituals kennen gelernt. Wem also das einfache Zählen ins Unendliche nicht genug kognitive Ressourcen abverlangt, dem kann ich die advanced edition von Bässe zählen nur ans Herz legen. Hier sind besondere Schwierigkeitsstufen eingebaut, hier kann man an seine Grenzen gehen. Poltern, Möbelrücken oder improvisierte Trommelsessions wirken als zusätzliche Distraktoren auf das Zählmanöver und auch für die philosophisch Bewanderten unter uns gibt es Spielalternativen: Ist man dem Bässe zählen überdrüssig, kann man kinderleicht dazu übergehen, tiefere existentielle Botschaften in den Bass übertönenden Mitteilungen Lindenauer Nachbarn zu entschlüsseln. Hier werden wichtige Aspekte des Lebens aufgegriffen wie beispielsweise interindividuelle Vergleiche menschlicher körperlicher Abbauprodukte. So kann man in zahlreichen nächtlichen Diskursen auf wichtige Fragen des Lebens stoßen und erhält zugleich aussagekräftige Resümees à la Rotze klebt oder Kotze ist doof, worüber sich gewiss eine geraume Zeit sinnieren lässt. Wem es hierbei gelingt, die Anzahl der Bässe im Auge zu behalten, der zählt vermutlich zu den Top Level Vertretern von Bässe zählen. Bei den zahlreichen zwangsverordneten Spielgelegenheiten sind Übungseffekte natürlich garantiert. Und so bin ich bei der nächsten Partie sicherlich wieder mit dabei.
Bässe zählen – das anonyme interaktive Gesellschaftsspiel, frei Haus für Jung und Alt in Lindenau.

2 Gedanken zu „Bässe zählen

  1. Milkyway

    Ja, die Welt ist doch immer wieder neu und frisch.
    Nun, jemand sagte mal, das Leben ist wie eine Melodie.
    Ich versuche nicht am ersten Takt festzuhalten, sondern lausche der ganzen Musik bis sie zu Ende ist.
    Ich beobachte und erkenne und staune und genieße

  2. narzisstischphilanthrop

    Ja, am Freitag Abend hab ich das Spiel auch erst wieder gespielt – ich meine, was soll man denn sonst nachts um vier machen, wenn man erst um halb acht aufstehen muss??? ; )

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