Archiv des Autors: An Chiardhuibh

Die Zeit vergeht. Hofnachbarn bleiben.

Als ich vor mehr als zehn Jahren nach Lindenau zog, war der Stadtteil definitiv uncool. Gefragt wo ich denn wohne, nuschelte ich mich vom L zum au und fügte immer noch ein „So schlimm ist es aber gar nicht“ dazu. Immerhin, als ich meine Möbel damals mehrere Etagen hoch in mein WG-Zimmer schleppte, gab es nebenan noch Müller statt KiK. Zugegeben: der Aldi am Ende einer langen Rolltreppe in lindenauische Tiefen hatte noch keinen Kultstatus und es gab ihn vor allem noch, aber es lebte sich nicht schlecht. Trotzdem fühlte ich mich hauptsächlich als Thüringer im Exil, „wohnte“ zwar im Westen Leipzigs, aber wohnen muss man ja eben irgendwo.

Zehn Jahre später nun ist Lindenau hip. Der hiesige Drogeriemarkt würde auch mit warmen Semmeln nicht mehr Profit machen können. Es gibt Bioläden, Galerien, Wächterhäuser und andere alternative Projekte. Und den Kik. Ich wette heutige Studenten buchstabieren den Namen ihres Stadtteils laut und deutlich, wenn sie nach ihrem Wohnort gefragt werden und sie sind unübersehbarer Teil des neuen Lindenaus.

Dafür dass ich mich nicht jeden Tag wie ein Mondspazierer fühle, sorgen meine persönlichen Relikte des alten Lindenaus: die blaue Perle als sicherer Quell nächtlichen Entertainments, die Kunstinstallationen am Lindenauer Markt, die nach wie vor eher schlechten Graffitis an den Wänden und meine Nachbarn. Genauer gesagt meine Nachbarhofnachbarn. Sie sind mir nach wie vor nahe, denn der Hof ist ihr bevorzugter Aufenthaltsort und so wie unsere Häuser sich Seite an Seite schmiegen, sich gegenseitig stützen und Halt geben, sorgen sie dafür, dass ich lindenauer Bodenhaftung behalte.

Mann und Frau Hofnachbar haben seit einer Weile Kinder. Zwei Mädchen. Ich bin mir sicher, sie kennen ihren Hof wie ihre rosa Anoraktaschen. Später werden sie sich einmal nostalgisch an jenen Ort zurück denken, den sie in ihrer Kindheit so ausgiebig bespielt haben. Woran genau werden sich Nachbarhofkind eins und zwei aber erinnern? Ich stehe oft fasziniert am Fenster und beobachte ihr „Spiel“, dass nur eine Variation zu kennen scheint: Kind 1 nehme ein Spielgerät seiner Wahl (Dreirad, Federballschläger, Puppe, es ist ganz egal) und benutze es irgendwie als Waffe gegen Kind 2 und umgekehrt. Ich frage mich, ob sich ihnen bereits der wirkliche Sinn mancher Spielsachen erschlossen hat oder ob sie hinter allem nur den einen Zweck sehen: auf andere eindreschen. Zielsicher verwenden sie dabei durchaus angebrachtes Vokabular, das von vielen Häuserwänden zurückgeworfen, meine Küche erfüllt.

Seit ich nun selbst ein Kind habe, stehe ich allerdings vor einem Dilemma: Wie dem Spross erklären was dort unten vor sich geht? Muss ich es nicht rechtzeitig am Spiel Lindenau Style teilhaben lassen, damit es später genügend Streetcredibility hat? Insgeheim fürchte ich auch bereits um das Taschengeld des deutlich jüngeren Nachwuchses, denn wächst hier nicht die gefürchtete Mädchengang von morgen heran? Vielleicht sollte ich sie schleunigst zu Verbündeten machen, ein Stück Kuchen, das gut investiert wäre? Ich werde bei einer Tasse Tee aus dem Biomarkt am Küchenfenster darüber nachdenken.

Nostalgie in Lindenau

Nostalgie in Lindenau

Der Lindenauer Minizoo


Der Zoo ist eine der Hauptattraktionen Leipzigs. Er hat eine eigene Doku-Soap, ein lustig beklebtes Parkhaus und eine Lippenbärenschlucht, die es bestimmt auch mit dem Höllenschlund bei Ronja Räubertochter aufnehmen könnte.

Jedoch, als Lindenauer ringt mir dies nur ein müdes Lächeln ab. Ich muss nicht erst in die Innenstadt fahren, mich hinter einer Horde zuckerüberdosierter Kinder einreihen, um mich an der Fauna zu erfreuen. Es geht einfacher und sogar ohne ein gewisses Zoo-Feeling entbehren zu müssen. Direkt an der Angerbrücke haben umsichtige Lindenauer, die ihren Kindern vermutlich mehr bieten wollten, als den gemeinen Schoßhund von nebenan, es geschafft ein kleines Nagerparadies zu erschaffen. Dort, an der Böschung, kurz bevor sich das dichte Geäst derart verzweigt, dass ein ungehinderter Blick unmöglich wird, türmen sich tagtäglich Berge mit Gemüseabfällen und Brötchenhaufen, die jedem Spatz in mehreren Kilometern Entfernung die Luft zum piepsen rauben. Ganze Äpfel, selbst Apfelsinenspalten konnten in diesem bunten Haufen ausgemacht werden. Mümmelnd, nagend und schmatzend davor: Generationen von Nutrias (nicht Bisamratten, wie zumeist von wissend blickenden Laien, sobald diese sich, lässig auf das Brückengeländer stützend, niedergelassen haben, kund getan wird; treffend wäre allenfalls noch die Bezeichnung Biberratte und wer mir nicht glaubt, darf gerne selbst bei Wikipedia nachschlagen). Derart wohl bedacht vom Nagerschicksal und der Lindenauer Bevölkerung, lebt hier eine Population, unbehelligt von den Widrigkeiten, denen Nutrias längst vergangener Zeiten ausgesetzt waren. Schließlich sah es lange schlecht aus für die, glücklicherweise nur durch ihren Schwanz entfernt an Ratten erinnernden, putzigen Mümmelviecher. Die hiesige Damenwelt mochte nämlich ungern auf schön gebürstete Pelzmäntel verzichten und da half es den Nutrias auch nicht, möglichst struppig und borstig daher zu kommen. Längst wusste man über die Qualitäten der Unterwolle Bescheid. Doch vorbei die dunklen Zeiten, in denen Statussymbole wichtiger waren, als der Anblick einträchtig nagender Nutriafamilien. Heute versammelt sich halb Lindenau gerne und ohne Argwohn um die pelzigen Mitbewohner. Gewissenhaft wird der Müll nur noch auf der anderen, nicht vorrangig von Nutrias bewohnten, Seite des Bächleins deponiert. Wer weiß, womöglich entdeckt das Fernsehen bald unsere Lindenauer Maskottchen. Dann können wir nur hoffen, dass sie sich stets daran erinnern, wer sich einst so aufopfernd um ihr Wohl gekümmert hat.