Ab durch die Hecke

Seit nun mehr 4 Wochen habe ich der Südvorstadt den Rücken gekehrt und bin nach einigen Jahren zurück in meinen Heimatstadtteil Lindenau gezogen – ja, nach Lindenau, wo, wie ich neuerdings mitbekommen habe, auch der Friseur ca. 3 Euro günstiger ist. Es lohnt sich also und so wandere ich seit einigen Wochen auf den Spuren der Vergangenheit und obgleich die alten Fassaden einen beruhigenden Charme versprühen geschehen doch auch merkwürdige Dinge hier im Westen Leipzigs – so auch auf dem Karl-Heine Platz 1, unter uns Einheimischen auch als Knochenplatz bekannt. Für diejenigen Leser, die mit diesem bedeutenden Teil Lindenaus nichts anfangen können, möchte ich kurz erwähnen, dass es sich, der Name lässt es erahnen, um einen ehemaligen Friedhof handelt, der schon lange vor meiner Zeit einem Spielplatz für die Lindenauer Generation von Morgen weichen musste. Inzwischen hat dieser Platz nicht nur obsessive Popularität, sondern auch Multifunktionalität erreicht – doch dies ist eine andere Geschichte.
Meine Geschichte beginnt an einem kühlen Herbstmorgen. Es sind noch nicht viele Menschen auf den Beinen als ich unseren schönen Altbau verlasse und als Abkürzung zur Karl-Heine-Straße den altbekannten Weg über den Knochenplatz wähle. Auf dem Spielplatz, an dem sich tagsüber die neue Lindenauer Generation tummelt, sehe ich nur leere Bierflaschen und zertretene Bigpack Zigarettenpackungen im Sand liegen. Mein Blick schweift nach rechts zu diesem merkwürdigen Etablissement, das sich schon seit meiner Kindheit hier befindet und dem ich bisher noch keinerlei eindeutige Definition geben konnte. Ich vermute einen Zusammenhang zu den Müllresten zu meiner Linken und habe eine kurze Version eines 3-jährigen Jungen, der sich ca. 5 Stunden später auf dem Knochenplatz im Sand befinden wird. Ich verwerfe die auftretenden gedanklichen Ausschweifungen über die weitere sozial-eomotionale Entwicklung des Jungen und gehe langsamen Schrittes weiter. Es dauert keine 5 Sekunden da erregt etwas anderes meine Aufmerksamkeit und es war eine dieser Situationen, in dem man einem Ereignis zusieht, eine Ahnung davon entwickelt, was gerade passiert und dennoch erfasst man das Gesehene erst hinterher – oder aber es ergibt sich eine 10 auf der Unglaublich Skala und es landet somit in diesem Blog. Ich lief also weiter über den Karl-Heine-Platz und als ich ungefähr die Hälfte des Weges erreicht hatte, sah ich etwas bei einem großen verdorrten Busch mitten auf dem Platz, dessen ursprüngliche Bedeutung wohl einmal darin bestand, dem Knochenplatz zu mehr Ästhetik und somit Lindenau zu einem  grünen Stadtbild fernab der leer stehenden Tristesse zu verhelfen. Mein Blick blieb ungläubig an diesem Busch  hängen, als plötzlich eine Gestalt unbeholfen hervor trat. Hervortreten ist hierbei vermutlich nicht das richtige Wort. Vielmehr kroch dieser Mann, wie ich später erkannte, offensichtlich verwirrt aus diesem Hauch Natur hervor und da stand er – in seinem beige-grauen Trenchcoat Baujahr 1960 und einer dunklen Baskenmütze. Auf seiner Nase trug er eine kleine runde Brille wie ich sie aus den Zwanzigern kenne und in seiner Hand befand sich ein kleines notizähnliches Büchlein. Ich wusste nicht, was ich denken sollte und während ich so lief, stand diese Gestalt, die sich definitiv nicht bewusst war im Jahr 2009 angekommen zu sein, einfach nur da, das Notizbuch stolz zur Brust haltend, den Blick starr geradeaus gewandt. Ich beobachtete dieses Schauspiel eine Weile, schaute zögerlich über meine Schulter, um mich zu vergewissern, dass keine apokalyptische Stummfilmszene hinter mir ablief – doch es passierte einfach nichts. Ich war allein, allein mit einem verwirrten Zeitreisenden, der den Karl-Heine-Platz 1 auf wichtige Hinweise zur Errettung der Menschheit erforschte. So oder ähnlich vermutete ich es, als ich langsam und scheinbar unbemerkt an ihm vorüber ging. Strange people in Lindenau, dachte ich schmunzelnd als ich nach wenigen Schritten die Grenze nach Plagwitz passierte.

Ein Gedanke zu „Ab durch die Hecke

  1. dermitdenbytestanzt

    Ich konnte es nun doch nicht lassen und habe ein paar Zeilen gelesen.
    Als Zeitreisender, gerade im hier und jetzt fällt mir nur eins ein.
    Hier und dort.
    Da bleibe ich aber lieber hier. :)

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