Archive for April, 2010

Der Lindenauer Minizoo

Dienstag, April 27th, 2010


Der Zoo ist eine der Hauptattraktionen Leipzigs. Er hat eine eigene Doku-Soap, ein lustig beklebtes Parkhaus und eine Lippenbärenschlucht, die es bestimmt auch mit dem Höllenschlund bei Ronja Räubertochter aufnehmen könnte.

Jedoch, als Lindenauer ringt mir dies nur ein müdes Lächeln ab. Ich muss nicht erst in die Innenstadt fahren, mich hinter einer Horde zuckerüberdosierter Kinder einreihen, um mich an der Fauna zu erfreuen. Es geht einfacher und sogar ohne ein gewisses Zoo-Feeling entbehren zu müssen. Direkt an der Angerbrücke haben umsichtige Lindenauer, die ihren Kindern vermutlich mehr bieten wollten, als den gemeinen Schoßhund von nebenan, es geschafft ein kleines Nagerparadies zu erschaffen. Dort, an der Böschung, kurz bevor sich das dichte Geäst derart verzweigt, dass ein ungehinderter Blick unmöglich wird, türmen sich tagtäglich Berge mit Gemüseabfällen und Brötchenhaufen, die jedem Spatz in mehreren Kilometern Entfernung die Luft zum piepsen rauben. Ganze Äpfel, selbst Apfelsinenspalten konnten in diesem bunten Haufen ausgemacht werden. Mümmelnd, nagend und schmatzend davor: Generationen von Nutrias (nicht Bisamratten, wie zumeist von wissend blickenden Laien, sobald diese sich, lässig auf das Brückengeländer stützend, niedergelassen haben, kund getan wird; treffend wäre allenfalls noch die Bezeichnung Biberratte und wer mir nicht glaubt, darf gerne selbst bei Wikipedia nachschlagen). Derart wohl bedacht vom Nagerschicksal und der Lindenauer Bevölkerung, lebt hier eine Population, unbehelligt von den Widrigkeiten, denen Nutrias längst vergangener Zeiten ausgesetzt waren. Schließlich sah es lange schlecht aus für die, glücklicherweise nur durch ihren Schwanz entfernt an Ratten erinnernden, putzigen Mümmelviecher. Die hiesige Damenwelt mochte nämlich ungern auf schön gebürstete Pelzmäntel verzichten und da half es den Nutrias auch nicht, möglichst struppig und borstig daher zu kommen. Längst wusste man über die Qualitäten der Unterwolle Bescheid. Doch vorbei die dunklen Zeiten, in denen Statussymbole wichtiger waren, als der Anblick einträchtig nagender Nutriafamilien. Heute versammelt sich halb Lindenau gerne und ohne Argwohn um die pelzigen Mitbewohner. Gewissenhaft wird der Müll nur noch auf der anderen, nicht vorrangig von Nutrias bewohnten, Seite des Bächleins deponiert. Wer weiß, womöglich entdeckt das Fernsehen bald unsere Lindenauer Maskottchen. Dann können wir nur hoffen, dass sie sich stets daran erinnern, wer sich einst so aufopfernd um ihr Wohl gekümmert hat.

“Mach Schnaps druff!”

Dienstag, April 20th, 2010

Das ist ein Zitat meines Opas. Ich glaube, er hat es immer dann gesagt, wenn Verletzungen oder Krankheiten entzündlicher oder akuter Art vorlagen. Fahrradunfall: Mach Schnapps druff. Mandelentzündung: Mach Schnaps druff. Zahnprobleme: Mach Schnaps druff. Sich in den Finger geschnitten: Mach Schnaps druff. Und so weiter. Ich folgerte daraus immer, daß Opa eben noch in anderen Zeiten groß geworden ist und daß die “Mach Schnaps druff”-Mentalität irgendwann aussterben würde, da Desinfektions- und Wundheilungspräperate mittlerweile für billig Geld in jedem Gemischtwarenladen zu erwerben sind. Geht man in Lindenau im Netto zur Kasse, fällt einem zu seiner Rechten das monströs erscheinende Regal sich eng an eng drängender Spirituosen ins Auge, das mit den Klassikern Mariacron, Doppelkorn, den billigen Berenzen-, Martini-, Bacardi-, und Baileys- Imitaten auf der Zielgeraden im Lindenau-Ghetto-Netto kräftig aufzutrumpfen weiß. Das Interessante an diesem Regal ist allerdings das Schild, das darüber hängt. In Discountern dieser Art ist es bekannterweise üblich, die Waren in unterschiedlichen Sektoren inhaltlich zu sortieren und orientierungsfreundliche Kategorisierungschilder wie “Konserven”, “Tiefkühlkost” etc. über eben solche zu hängen. Das Schild über unserem Freund dem Schnapsregal verweist auf “Hausapotheke”. Opas medizinische Interventionsmethode scheint also wieder voll im Trend zu liegen. Ich verspreche, bei nächster Gelegenheit ein Photo dieses aussagekräftigen Lindenauer Orientierungsschildes hier mit hochzuladen. Wenn ich bei der Aufnahme mit meiner Digitalkamera im Supermarkt in der Schlange vor der Kasse von einem Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin dumm angemacht werden sollte, werde ich einfach sagen: “Mein Name ist Maria Cron, in bin von Stiftung Warentest.” Das Argument dürfte ja wohl ausreichen, um mal ein Photo im Netto zu machen, denke ich.

Damit soll es aber noch nicht genug sein zum Thema “Ghetto-Netto” (ein Wortspiel, das, wie ich finde, die Bildzeitung nicht eloquenter hätte gestalten können). Ich gehe davon aus, daß meine werten Leser an dieser Stelle wissen, was ich mit den Warenregalen meine, die es kurz vor knapp noch an der Kasse eines Supermarkts zu erkunden gibt. Feuerzeuge, Labellos, Kaugummis, die berühmten Produkte, die die demokratische Erziehung kleiner Kinder mächtig auf die Probe stellen und eben für die von uns, die es wirklich nötig haben, die guten Jungs aus der Netto-Hausapotheke nochmal in klein. Praktisch so für zwischendurch, bei der Arbeit, nach dem Sport, an der Haltestelle, vor dem Elternabend, nach dem Arbeitsamttermin oder eben auch mal für nach dem Einkauf im Netto. Eigentlich ist es immer das gleiche Klientel, was sich an dieser Auslage bedient: gefühlte 90% Kunden, die auf dem Band auch nix anderes liegen haben als 3 Sterni, Rollis (für die nicht-Kenner der Szene: das sind die billigen Zigarillos…), ner Flasche Doppelkorn und vielleicht noch die abgepackte Jagdwurst von “Gut und günstig” oder ne Packung Toast und der Schmelzkäse aus der Plastikpackung, der nicht mal gekühlt werden muß (weder vor noch nach dem Öffnen) und trotz 3 monatigem Verweilen in offenem Zustand im Kühlschrank noch keinen Schimmel ansetzt. Eben ein solcher Zeitgenosse stand mit Produkten dieser Kategorie vor mir am Band. Seine Aufmerksamkeit zog er allerdings erst auf sich, nachdem er ca. 3 Minuten lang sämtliche Underberg-Flachmänner mindestens einmal angefaßt hatte. Das lief immer nach dem gleichen Schema ab: Flasche raus aus dem Karton, kurz gegen’s Licht gehalten, zurück in den Karton und die nächste Flasche. Gleiches Spiel. Während ich mich noch fragte, was für eine skurile Nummer das denn schon wieder sein soll, erfaßte ich den Sinn seines konzentrierten Treibens, als er seine Begutachtungsmethode modifizierte: Er hielt nun immer zwei Flaschen nebeneinander ans Licht. An dieser Stelle laße ich nun ein wildes Spekulieren zu. Einfälle werden gerne entgegengenommen. Meine Hypothese an diesem heutigen Abend: Er hat geguckt, ob in einer Flasche ‘n Ticken mehr drin ist.

Wirft Fragen auf, sage ich Euch. Vielleicht sollte ich einmal von meinem naiv-gutgläubigen Einkaufs-Roß absteigen und hinterfragen, ob die 0,75 Liter auch immer das sind, was wir glauben, was sie sind. Lindenau ruft auf zur Waren-Selbst-Kontrolle: Lieber ma gucken, ob der Kartoffelsaft auch echt bis zum Strich voll ist. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Sa sdrowje. Auf die Gesundheit. Auch wenn der Russe jetzt lacht und sagt, er trinke nicht auf die Gesundheit (zit. nach Moskauer Deutsche Zeitung, 2007) – in Lindenau steht Alkoholkonsum im Netto genau unter diesem Zeichen. Na dann: “Mach Schnaps druff!”


Korsakow-Sprachstudien nach 22 Uhr

Sonntag, April 11th, 2010

Nun stehe ich am Anfang dieses Artikels und überlege, ob allgemein das Wissen um das Korsakow-Syndrom vorauszusetzen ist. Um ganz sicher zu gehen – hier der kurze psychoedukative Teil: Beim Korsakow-Syndrom handelt es sich um eine Störung des Gedächtnisses, d.h. Vergessen alter Gedächtnisinhalte oder auch die Unfähigkeit, neu Erlebtes zu speichern. Das Korsakow-Syndrom steht in unmittelbarem Zusammenhang mit Alkoholismus. Es können ebenso starke Gemütsschwankungen, erhöhte Müdigkeit und auch Faseln auftreten. Um dieses “Faseln”, was durch verwaschene Sprachfetzen mit diffusen Inhalten charakterisiert ist, soll es hier im Folgenden gehen.

Eigentlich kann man dieses Phänomen nicht nur nach 22 Uhr beobachten – eine Fahrt mit der Bahn durch das Szene-Viertel zwischen Georg-Schwarz-Straße und Angerbrücke reicht meist aus, um ein typisches Exemplar seiner Art zu finden. Ebenso ein Nachmittag bei Temperaturen über 15 °C auf dem Lindenauer Markt, oder auch ein Besuch in der Elsterpassage eignen sich gut, um Personen für die Stichprobe beobachten zu können. Am Abend jedoch, besonders, wenn das Fenster angekippt ist, treten die in Lindenau altbekannten Laute meist zusätzlich in der nachfolgenden Kombination von Polizeisirenen auf. Ob hier eine Kausalkette anzunehmen ist, lasse ich an dieser Stelle offen.

Was ich allerdings dringend als Tip vom Fachmann für Kenner anführen möchte: Tritt folgendes Ereignis mitten in der Nacht unter Deinem Fenster, in Deiner Straße, Dir zu Ohren: “Haaaadaaaaaawaaaaawööööwöööö-Bööööwuuuuuluuuuwaaaabaaaa-Määpoooodääääämööööööööö” [Lautabweichungen können in Einzelfällen durchaus variieren], verhalte Dich in Deinem Bett einfach ruhig und denke daran, daß das Geräusch verstummen wird, sobald unser Freund Korsakow seinen schlangenlinienartigen Weg ungestört in Richtung irgendwo im Nirgendwo fortsetzen wird. Das Wort, das hier sogleich heraussticht, lautet “ungestört”. Eben dieses Gebot befolgte in einer lauen Frühlingsnacht ein Nachbar aus dem Haus gegenüber nicht. Es war mal wieder soweit: Klassisch für Lindenau – halb vier nachts und draußen hat jemand, der definitiv zu viel getankt hat, und das wahrscheinlich nicht zum ersten Mal, eindeutiges Mitteilungsbedürfnis. Eben benannte Laute sind im 2. Stock Silbengetreu zu erkennen. Ich stand auf, um die die Heizung abzustellen, weil mir zu warm ist,  und wagte den Blick nach unten auf die Straße. Ebenfalls klassisch wie aus dem Lehrbuch stand der Protagonist dieser Geschichte auf dem Bürgersteig, einen verdächtig dunklen Fleck auf der Hose im Bereich zwischen Schritt und linkem Knie, in einer Hand eine Bierflasche, die andere nach oben gereckt. Taumelnd, singend, korsakowend – kein ungewöhmliches Bild. “Er wird schon weiterziehen”, dachte ich mir, ein kognitives “Boah, ich will pennen” war natürlich auch dabei. Als 3 Minuen später immer noch keine Ruhe eingekehrt war, verlor offenbar jemand im Haus gegenüber die Contenance. “Halt endlich Deine Fresse, ey!!!” Ab diesem Zeitpunkt wußte ich, daß dieser, obglich nicht ungerechtfertigte Einwurf, nur eine Verlängerung der Spielzeit zu bedeuten haben konnte. Ziemlich überrascht war ich allerdings von der plötzlich fast klaren Aussprache unseres Freunds vom Bürgersteig, der rhetorischt geschickt mit “Ey, halt DU doch die Fresse, ey!!!” konterte. Liebeleien dieser Art wurden dann die nächsten 5 Minuten ausgetaucht, bis Herr Korsakow wieder in seinen anfänglichen Singsang verfiel und ich durch die Entfernung seiner Stimme annehmen durfte, daß er sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.

Und die Moral von der Geschicht’: Pöbel’ ihn an und der singende Korsakow verpisst sich nicht.

Oder eben doch.

Je nach dem…

Bässe zählen

Sonntag, April 4th, 2010

Ein halbes Jahr ist es nun her, dass ich mein Domizil von der Südvorstadt ins neue Connewitz, nach Lindenau, verlegt habe. Inzwischen habe ich die ersten kulturellen Besonderheiten und ethnischen Absonderlichkeiten meines Heimatviertels kennen gelernt und möchte heute einen kleinen Beitrag zur typischen Abendgestaltung in Lindenau leisten. Dem Leipziger Kenner mag noch nicht entgangen sein, dass es durchaus innerstädtische Differenzen in den allabendlichen Aktivitäten der Leipziger gibt. Während man sich in Connewitz am liebsten mit den physikalischen Auswirkungen fliegender Steine auf Glasscheiben beschäftigt, haben die Lindenauer eine ganz eigene Art die Nachtstunden verstreichen zu lassen.
Bässe zählen – lautet das kostengünstige Spiel für alle schlaflosen Lindenauer und auch ich kam gestern wieder einmal unverhofft in den Genuss dieses westlichen Abendrituals. Die Spielregeln sind einfach:  man warte ab bis der Zeiger der Uhr die Abendstunden einleitet und öffne ein Fenster.  Letzteres  ist zuweilen nicht unbedingt zwingend, da es durchaus vorkommt unpersönlich von den nachbarlichen Klängen in das Spiel eingeladen zu werden. Anders als in der Südvorstadt, wo sich derartige alternative Angebote an kalendarischen Normen orientieren, kennt man in Lindenau keine zyklischen Begrenzungen. So kann man dem Bässe zählen nicht nur am Wochenende oder in den Semesterferien frönen, auch an zahlreichen Wochentagen oder zu ungewöhnlichen Uhrzeiten kommt man in diesen klanghaften Genuss. Warten muss man auf die Spielgelegenheit demnach nicht lange, dennoch sollte man reichlich Geduld mitbringen, da es sich nicht um ein kurzweiliges Vergnügen handelt. Ist man nach einigen Stunden bei einer entsprechend hohen Anzahl von Bässen angekommen und hat womöglich sogar schon den bescheiden angestrebten Halbschlaf erreicht, kann man durchaus eine zweite Runde gegen 4 Uhr Morgens angehen. Dem Spielspaß sind somit kaum Grenzen gesetzt.
In meiner bisherigen Zeit in Lindenau habe ich bereits verschiedene Varianten dieses Abendrituals kennen gelernt. Wem also das einfache Zählen ins Unendliche nicht genug kognitive Ressourcen abverlangt, dem kann ich die advanced edition von Bässe zählen nur ans Herz legen. Hier sind besondere Schwierigkeitsstufen eingebaut, hier kann man an seine Grenzen gehen. Poltern, Möbelrücken oder improvisierte Trommelsessions wirken als zusätzliche Distraktoren auf das Zählmanöver und auch für die philosophisch Bewanderten unter uns gibt es Spielalternativen: Ist man dem Bässe zählen überdrüssig, kann man kinderleicht dazu übergehen, tiefere existentielle Botschaften in den Bass übertönenden Mitteilungen Lindenauer Nachbarn zu entschlüsseln. Hier werden wichtige Aspekte des Lebens aufgegriffen wie beispielsweise interindividuelle Vergleiche menschlicher körperlicher Abbauprodukte. So kann man in zahlreichen nächtlichen Diskursen auf wichtige Fragen des Lebens stoßen und erhält zugleich aussagekräftige Resümees à la Rotze klebt oder Kotze ist doof, worüber sich gewiss eine geraume Zeit sinnieren lässt. Wem es hierbei gelingt, die Anzahl der Bässe im Auge zu behalten, der zählt vermutlich zu den Top Level Vertretern von Bässe zählen. Bei den zahlreichen zwangsverordneten Spielgelegenheiten sind Übungseffekte natürlich garantiert. Und so bin ich bei der nächsten Partie sicherlich wieder mit dabei.
Bässe zählen – das anonyme interaktive Gesellschaftsspiel, frei Haus für Jung und Alt in Lindenau.