Ein- und Durchreisebestimmungen für den Alt-Westen Leipzigs

Sprache:
Die
Sprache im Viertel ist vorwiegend Sächsisch und Korsakowisch. In den Gastgewerben und Gebieten mit hohem Touristenaufkommen ist eine Verständigung auf Hochdeutsch (mit Einschränkungen) möglich.

Straßenverkehr:
Im Straßenverkehr ist wegen der im
Viertel üblichen aggressiven und hektischen Fahrweise besonders umsichtiges und defensives Verhalten geboten. Gefundene Parkplätze sollten zeitnah angesteuert und das Fahrzeug diesen entsprechend angepasst werden.

Kriminalität:
Die Kriminalität im Viertel ist hoch. Sie richtet sich allerdings grundsätzlich selten gezielt gegen Durchreisende, sondern bedroht alle Bevölkerungsgruppen und daher auch die Ortsansässigen. In Touristenzentren (Lindenauer Markt) und in abgelegeneren Gegenden (Ghetto Netto) sind Reisende jedoch durchaus gezielt Opfer von Übergriffen im Rahmen niedriger psychosozialer Hemmschwellen. Zu erhöhter Vorsicht wird geraten.
Im Allgemeinen sollten Wertsachen nur in unbedingt erforderlichem Umfang mitgeführt werden. Auf Schmuck, auch billigen Modeschmuck, sollte verzichtet werden. In größeren Menschenansammlungen sollte besonders auf Geldbörse und Alkoholika geachtet werden.
Damit das Nachtleben im Viertel ungehindert seinen Gang gehen kann, werden in in öffentlichen Bars, Discos und Clubs in Getränke narkotisierend wirkende Stoffe (Alkohol) gemischt. Es wird deshalb dringend dazu geraten, Getränke nie aus den Augen zu lassen und sofort zu leeren.

Bei einem Überfall wird dringend dazu geraten, keine Gegenwehr zu leisten und Wertgegenstände (vor allem Alkoholika) an den Aggressor widerstandslos auszuhändigen.
In Notfällen wenden Sie sich bitte an das ansässige Polizeirevier im Stadtteil Plagwitz. Direkt vor Ort gibt es diesbezüglich keine Möglichkeiten (mehr).
Grundsätzlich ist es notwendig, jederzeit aufmerksam das Geschehen auf der Straße zu verfolgen und Geldbeutel sowie Pfandgut sicher zu verstauen.

Impfschutz:
Das Auswärtige Amt empfiehlt, die Standardimpfungen gemäß aktuellem Impfkalender des Robert-Koch-Institutes zu überprüfen und zu vervollständigen. Als Reiseimpfungen werden Hepatitis A, bei Langzeitaufenthalt oder besonderer Exposition auch Hepatitis B empfohlen.

Angenehmen Aufenthalt.

 

Die Zeit vergeht. Hofnachbarn bleiben.

Als ich vor mehr als zehn Jahren nach Lindenau zog, war der Stadtteil definitiv uncool. Gefragt wo ich denn wohne, nuschelte ich mich vom L zum au und fügte immer noch ein „So schlimm ist es aber gar nicht“ dazu. Immerhin, als ich meine Möbel damals mehrere Etagen hoch in mein WG-Zimmer schleppte, gab es nebenan noch Müller statt KiK. Zugegeben: der Aldi am Ende einer langen Rolltreppe in lindenauische Tiefen hatte noch keinen Kultstatus und es gab ihn vor allem noch, aber es lebte sich nicht schlecht. Trotzdem fühlte ich mich hauptsächlich als Thüringer im Exil, „wohnte“ zwar im Westen Leipzigs, aber wohnen muss man ja eben irgendwo.

Zehn Jahre später nun ist Lindenau hip. Der hiesige Drogeriemarkt würde auch mit warmen Semmeln nicht mehr Profit machen können. Es gibt Bioläden, Galerien, Wächterhäuser und andere alternative Projekte. Und den Kik. Ich wette heutige Studenten buchstabieren den Namen ihres Stadtteils laut und deutlich, wenn sie nach ihrem Wohnort gefragt werden und sie sind unübersehbarer Teil des neuen Lindenaus.

Dafür dass ich mich nicht jeden Tag wie ein Mondspazierer fühle, sorgen meine persönlichen Relikte des alten Lindenaus: die blaue Perle als sicherer Quell nächtlichen Entertainments, die Kunstinstallationen am Lindenauer Markt, die nach wie vor eher schlechten Graffitis an den Wänden und meine Nachbarn. Genauer gesagt meine Nachbarhofnachbarn. Sie sind mir nach wie vor nahe, denn der Hof ist ihr bevorzugter Aufenthaltsort und so wie unsere Häuser sich Seite an Seite schmiegen, sich gegenseitig stützen und Halt geben, sorgen sie dafür, dass ich lindenauer Bodenhaftung behalte.

Mann und Frau Hofnachbar haben seit einer Weile Kinder. Zwei Mädchen. Ich bin mir sicher, sie kennen ihren Hof wie ihre rosa Anoraktaschen. Später werden sie sich einmal nostalgisch an jenen Ort zurück denken, den sie in ihrer Kindheit so ausgiebig bespielt haben. Woran genau werden sich Nachbarhofkind eins und zwei aber erinnern? Ich stehe oft fasziniert am Fenster und beobachte ihr „Spiel“, dass nur eine Variation zu kennen scheint: Kind 1 nehme ein Spielgerät seiner Wahl (Dreirad, Federballschläger, Puppe, es ist ganz egal) und benutze es irgendwie als Waffe gegen Kind 2 und umgekehrt. Ich frage mich, ob sich ihnen bereits der wirkliche Sinn mancher Spielsachen erschlossen hat oder ob sie hinter allem nur den einen Zweck sehen: auf andere eindreschen. Zielsicher verwenden sie dabei durchaus angebrachtes Vokabular, das von vielen Häuserwänden zurückgeworfen, meine Küche erfüllt.

Seit ich nun selbst ein Kind habe, stehe ich allerdings vor einem Dilemma: Wie dem Spross erklären was dort unten vor sich geht? Muss ich es nicht rechtzeitig am Spiel Lindenau Style teilhaben lassen, damit es später genügend Streetcredibility hat? Insgeheim fürchte ich auch bereits um das Taschengeld des deutlich jüngeren Nachwuchses, denn wächst hier nicht die gefürchtete Mädchengang von morgen heran? Vielleicht sollte ich sie schleunigst zu Verbündeten machen, ein Stück Kuchen, das gut investiert wäre? Ich werde bei einer Tasse Tee aus dem Biomarkt am Küchenfenster darüber nachdenken.

Nostalgie in Lindenau

Nostalgie in Lindenau

Auf der Lützner

Hast deinen geographischen Ursprung in Lindenau,
und führst uns hinaus bis ins Grünste von Grünau.
Birgst zahlreiche Seitenstraßen und geheime Gassen,
lädst ein zum Flanieren, um nichts zu verpassen.

In meinem Alltag weckst du mich mit Lärm und Gebrüll,
des nachts erheiternd mit kräftigen Tritten gegen den Müll.
Führst mich stets zum Netto meines Ghettos am Tage,
Amore, Amore! – Lieferst mir die beste Pizza der Lage.

Lützner – auf dir haust das Leben,
Straße der sündigen Nacht.
Lützner – dem Alltag erlegen,
Pflaster schmutziger Pracht.

Zeigst stolze und schamlos schattige Seiten,
hinaus bis in die fernsten westlichen Weiten.
Mit schönsten Plakaten weist du uns den Weg,
doch stets mit traumentleerten Flaschen übersät.

Bietest zahlreich Zuflucht dem sündigen Spieler,
und bist im Neuen Schauspiel Tagtraumdealer.
Mit Waffen Army schützt du seit jeher dein Revier,
und auch der Seemann dreht treu seine Runden auf dir.

Lützner – auf dir haust das Leben,
Straße der sündigen Nacht.
Lützner – dem Alltag erlegen,
Pflaster schmutziger Pracht.

Winter in Lindenau

Nach der überraschenderweise nicht eingetretenen Apokalypse ist es wieder soweit – der Winter zeigt sich von seiner schneeweißen Seite und auch in Lindenau hat die weiße Pracht Einzug gehalten. Jetzt, ein paar gute Tage nach dem ersten Schneefall hat sich des Winters Weiß dem ergrauten Antlitz des Viertels angeglichen, dennoch bleibt genügend Potential, um den Kinder-Winterfreuden auch im hohen Erwachsenenalter nachzukommen. Doch wohin soll es gehen im Flachland Leipzig – und vor allem, hat Lindenau einen angemessenen Spaßbeitrag beizusteuern?
Die Frage kann definitiv mit einem klaren JA beantwortet werden. Schon aus glücklichen sozialistischen Kindertagen, an denen zumindest Schneeballschlachten und Schlittenfahrten noch nicht zur Gefährdung der Staatssicherheit beitrugen, kann ich mich an diverse Schneefahrten im Leipziger Westen erinnern. Besonders ein Platz ist mir dabei in liebevoller Erinnerung geblieben und verdient somit eine würdige Erwähnung in diesem Blog.
Für diesen verborgenen Rodelplatz, um den sich die Gemüter streiten und der vor allem von nicht-Einheimischen stets belächelt wird, begeben wir uns wieder ins Grenzgebiet zu Plagwitz, zum Karl-Heine-Platz 1 – unter Einheimischen auch als guter alter Knochenplatz bekannt. Jener Ort wurde nun schon aufgrund diverser Begebenheiten in diesem Blog erwähnt und so freut es mich, ihm eine weitere Bedeutung zukommen zu lassen.
Betrachtet man eben jenen Knochenplatz im Detail, so findet man neben altbekannten Spieltürmen oder der ominösen namenlosen Statue einen kleinen, zunächst unscheinbaren Hügel. Für unerfahrene Lindenauer oder auch Ortsfremde mag diese Anhöhe keine außerordentlichen Assoziationen erwecken, doch aus Kindheitstagen kann ich mich an fidele und aufregende Rodelfahrten mit dem nostalgischen Holzschlitten von genau jenem Hügel erinnern. Für den erwachsenen Betrachter so unscheinbar harmlos – mit Kinderaugen eine abenteuerliche Abwärtsfahrt vom Todesberg des Knochenplatzes. – Und auch jetzt, wenn es mich an diesen eisigen Tagen in jene Grenzregion Lindenaus zieht, kann ich es genau beobachten: Die Zukunft Lindenaus in ihren – dem grauen Antlitz entgegenstehenden – farbenfrohen Schneeanzügen, ausgiebig die Schlittenfahrt auf dem Knochenplatz genießend, mit dem unstillbaren Verlangen nach einem neuen Abenteuer auf eben jenem Todeshügel. Stolze Mütter, lachende Kinder – mir wird warm ums Herz und so ziehe ich gedankenverloren an eigene gelöste Tage weiter und danke dir, oh Lindenau, für gegenwärtige und vergangene prägende Stunden.

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IMGP2848 (Kopie)

VEB Kolloidchemie

Palmengarten

 

Lost in Lindenau

Dinge verschwinden irgendwann einmal… und ein jeder von uns ist sicherlich schon mehr als einmal Zeuge dieses bedeutsamen Phänomens geworden. Dabei zeigt es sich in derart verschiedenen Facetten, dass es beinahe unmöglich scheint, sein Auftreten zu erahnen. Stattdessen ist es zumeist so, dass man plötzlich und mit erschütterter Miene das Fehlen eben jenen Dinges als  finales Resultat dieses Schauspiels feststellt.
Seit ich hier in meinem geliebten Lindenau hause, bin ich der Sache näher gekommen und vermute eine fundamentale geographische Ballungszone dieses Phänomens hier in den Lindenauer Breitengraden. Hier geht es an die Substanz, hier ballt sich die Energie förmlich auf und während am Abend noch alles vollständig und lückenlos harmonierte, weisen die Sonnenstrahlen am nächsten Morgen auf einen unerwarteten leeren Platz – etwas ist verschwunden.
So musste ich gestern Nachmittag beim Flanieren über den Karl-Heine-Platz feststellen, dass die bisher  für mich nicht zu identifizierende Bronzefigur nicht mehr an ihrer gewohnten Stelle zu finden war. Übrig geblieben ist lediglich der Sockel, der  Achtsame auf den Verlust aufmerksam macht und fundamentale Fragen in den stillen Raum wirft. – Vermutlich werde ich nun nie in der Lage sein, jene Figur zu benennen und im Zuge der Zeit wird sie womöglich ins Vergessen geraten. Ist das das Ende aller Dinge, die verschwinden? Keine Erklärungen, keine Hinweise auf ihren Verbleib?
Betrachte ich die bisherigen Geschehnisse in meinem Viertel, vermute ich eine endlose Kette von Fragen, deren Antworten keinen Anfang finden können: Was geschah mit den Anwohnern, die über Nacht  und ohne Hab und Gut einfach verschwunden sind? Werde ich jemals die Gelegenheit haben, meinem Fahrrad – spurlos aus seinem Abstellraum verschwunden – für die gute Zeit zu danken? Und welchen Grund kann es geben, dass Kleidungsstücke sich in Lindenau bis auf die letzte Faser entmaterialisieren?
Aus soziologischer Sicht kommen nun sicherlich klassische Erklärungsmuster zu Armut und ihren Konsequenzen schnell in Betracht. Auch die lukrativen Preise für Altmetall stellen vermutlich einen entscheidenden Faktor dar, der die mündige Lindenauer Bevölkerung zum Handeln anregt. Nun, bis zum gestrigen Tag dokumentierte ich diese Erscheinungen ohne annähernd über ihre Ursachen Auskunft geben zu können. Inzwischen – angestoßen durch das erneute Auftreten dieses Phänomens auf dem Knochenplatz – kreisen meine Gedanken nicht um naheliegende Erklärungen, sondern um jenen Besucher, dessen unzeitgemäßes und, ich möchte sagen, höchst verdächtiges Auftreten mich damals im Herbst 2009 aufmerksam machte. Ich erinnere hiermit an jenen verwirrten Zeitreisenden, bei dem ich einen geheimen Auftrag zur Errettung der Menschheit vermutete. Es erscheint mir sehr naheliegend, dass er sich damals noch in der Phase der Informationssammlung befunden haben muss. Vermutlich scheint nun eine nächste Phase der geheimen Mission angebrochen zu sein – und scheinbar werden hierfür Lindenauer und materielle Güter einer näheren Analyse unterzogen und dem irdischen Dasein entrissen.
Natürlich sind diese Annahmen hier noch sehr vage und gewiss unwissenschaftlich formuliert. Ich werde, im Zuge weiterer Informationssammlung, meine Beobachtungen auf den Umkreis des Karl-Heine-Platz 1 ausdehnen. Womöglich scheint hier die geographische Ballungszone dieses Phänomens seinen energetischen Höhepunkt zu finden.